Wenn ein Kind neues Spielzeug erhält, lässt es das alte bekannte links liegen. Weil Fliegen so unverschämt günstig ist, steigen Massen in die Lüfte. Und es muss natürlich immer das aktuellste Handy sein, auch wenn sich gegenüber dem noch funktionstüchtigen Gerät nicht so viel geändert hat. Wir Menschen lassen uns von Angeboten locken, ob sinnvoll oder nicht. Schließlich gehört es ja zu unserem Wesen neugierig zu sein – und bequem. So ein Verhalten zeigt sich auch im Straßenverkehr. Jeder merkt es am eigenen Leib oder besser am Heilix Blechle.


Nur den wenigsten ist Folgendes bewusst: Der gemeine Autofahrer nutzt jeden Meter neuer Straßen; vor allem, wenn sie keinen Stau und freie Fahrt für freie Bürger versprechen. Was dann folgt ist logisch: Da viele so handeln verpufft der von offizieller Seite versprochene Erleichterungseffekt, führt gar logisch zu Stau. Das erfuhren die Besucher des Faktenchecks der Bürgerinitiative (BI)  »keine-dietwegtrasse«. Die Bewohner in Orschel-Hagen, Sondelfingen und im Storlach machen sich nämlich Sorgen. Wegen eben jener Dietwegtrasse, die die Stadt Reutlingen 2012 aus dem Bebauungsplan genommen hat. Und damit aus dem Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit. Erledigt war das Thema damit nicht, schließlich steht das Vorhaben im Bundesverkehrswegeplan (BVWB) nun im sogenannten »vordringlichen Bedarf« und darauf hat der kleine rührige Gemeinderat keinen Einfluss. 


Die Trasse erfreut sich  laut Ankündigung des Regierungspräsidiums einer hohen Priorität. Der neue Teilabschnitt der Fernstraße ist, nachdem der Scheibengipfeltunnel verwirklicht wurde, ein neuer wichtiger Baustein, um die Innenstadt von Feinstaub und Stickoxiden zu befreien. Die Dietwegtrasse gehört nach den vorliegenden Plänen zum logischen Finale der Ortsumgehung von Reutlingen.  Damit entsteht mit dem Albaufstieg um Lichtenstein herum »eine leistungsfähige und verkehrssichere überregionale Verbindung von Stuttgart in Richtung Alb« wie Regierungspräsident Klaus Tappeser jüngst beim Startschuss der Planungen für den Albauf-
stieg verkündete. Bei solchen Ankündigungen atmen viele Menschen auf, vor allem die Anwohner der betroffenen Straßen, weil sie aufgrund der Belastungen nicht mehr durchatmen können. Bei solchen Aussagen stellen sich Verkehrsexperten, die sich tagein, tagaus mit der Zukunft der Mobilität beschäftigen, die Haare zu Berge. Sie sprechen, wie der anerkannte Verkehrsplaner Professor Dr. Hermann Knoflacher von der TU Wien, von einem »Verhalten der Verantwortlichen wie in Zeiten der verkehrsplanerischen Finsternis, den 1950- und 1960er-Jahren« und bewertet das Verhalten der Planer als nicht mehr zeitgemäß. Das trifft auch auf die Dietwegtrasse zu. 
              
Neue Möglichkeiten  ermutigen die Menschen. Das zeigen Untersuchungen.  Da nützt es auch nicht den ÖPNV zu stärken. »Man muss Anreize schaffen. Aber nicht durch Straßenbau«, so der 78-Jährige Knoflacher, der als geistiger Vater der weitgehend autofreien Innenstadt von Wien gilt.  Denn immer mehr und immer neue Straßen bringen schlicht und einfach mehr Verkehr, wie auch Dr. Stefan Oberhoff den Zuhörern beim Faktencheck erläuterte. Nach spätestens zehn Jahren habe sich der Effekt der Erleichterung, falls es den jemals gegeben hat, umgekehrt und die Menschen stehen wieder im Stau. Diese Erkenntnis stammt aus einer Studie kanadischer Ökonomen. Der Physiker Oberhoff bezeichnet die Zahlen im Dossier des Ministeriums als geschönt. Die Bürgerinitiative wirft gar Prognosen in den Raum, wonach dem Zubringer zur B 27 bis 2030 ein Verkehrszuwachs von 40 Prozent bevorsteht – falls die Trasse gebaut werden sollte. Schöne Aussichten. 


Da staunten die Zuhörer nicht schlecht, und es stärkt ihren Widerstand. Schließlich sind noch viele Fragen offen, die auch bei dieser Veranstaltung nicht beantwortet werden konnten. Etwa folgende: Wenn der Verkehr zunimmt, wo soll er hin? Wie nah kommt die Bundesfernstraße den Gebäuden? Wie wirkt sich das klimatisch auf die Wohngebiete aus? Warum wird die Straße nur teilweise untertunnelt? Warum wurde die Dietwegtrasse im BVWP in der Priorität nach oben gestellt? Wenn noch mehr Verkehr auf der B 464 kommt, hält der Tunnel dem Stand? Was können die Bürger tun? Nutzt das Engagement der  Bürgerinitiative?  Die Veranstaltung zu der 124 Interessierte  ins Haus der Begegnungen nach Orschel-Hagen gekommen sind hat gezeigt, dass keiner alleine steht. Solch ein Faktencheck ist ein wesentlicher Teil der Demokratie, in dessen Rahmen sich Sorgen sammeln können, Meinungen aufeinander prasseln und im Idealfall nach Lösungen gerungen wird. Wie Sportler haben sich die Zuhörer nun auf den nächsten Wettkampf vorbereitet. 


Am 22. Oktober stellt das Regierungspräsidium Tübingen in der Wittumhalle die Pläne zur Dietwegtrasse vor. Dann, so erhoffen es sich die Teilnehmer, gibt’s Antworten auf viele Fragen oder, um im Bild zu bleiben, Licht im Tunnel. Ob ihr Engagement von Erfolg geprägt sein wird, wird man sehen. Auf alle Fälle sollten sich die Teilnehmer Albert Einstein zum Vorbild nehmen, der als Grund für seinen Erfolg nannte: »Ich habe keine speziellen Talente, ich bin nur leidenschaftlich neugierig.«