Es reicht, denken sich die »Omas gegen rechts«. Sie wollen nicht weiter tatenlos zusehen, wie menschenverachtende Haltungen auch in Deutschland immer stärker werden. »Wenn im Bundestag, bei einer wenig bedeutenden Debatte, ein AfD-Vertreter von »der Machtergreifung Merkels» gesprochen wird und niemand sich beschwert, dann läuft grundsätzlich was falsch in diesem Land«, sagt Beate Müller-Gemmeke. Die Bundestagsabgeordnete der Grünen hatte vor Kurzem den Kontakt zu den »Omas gegen rechts« gesucht und sich nun mit ihnen getroffen. Im Parlament sei deutlich zu spüren, dass von AfD-Abgeordneten immer mehr gesagt werde, was bis dahin tabu war, betont die Politikerin. 


»Bei unserem ersten Auftritt am 8. Februar bei der Anti-AfD-Demo auf dem Reutlinger Marktplatz hatte ich zunächst schon Bedenken, dass ich einen Knüppel übergezogen kriege«, erinnert sich Heike Jung bei dem Treffen. Sie selbst hatte ihr kleines Plakat mit der Aufschrift der »Omas gegen rechts« auf einen Teppichklopfer geklebt. »Da hatten mich Leute gefragt, ob ich die AfD«ler verklopfen will«, schmunzelt Jung, die bis dahin noch nie an einer Demonstration teilgenommen hatte. Mittlerweile ist sie auf einen Teleskop-Selfie-Stick umgestiegen, »der ist viel praktischer und passt in jede Tasche«, sagt Heike Jung. Die Frauen um Barbara Kärn-Wilk hatten bei ihrem ersten Demo-Auftritt viel Aufmerksamkeit erregt. Und sie sagen auch, warum sie derart Flagge zeigen: Die »Omas« beobachten seit einiger Zeit »bedrohliche Entwicklungen wie Antisemitismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Faschismus« und denken, dass es höchste Zeit ist, dagegen vorzugehen. Sich einzusetzen »für den Erhalt der parlamentarischen Demokratie in Europa, für gleiche Rechte aller in Deutschland lebenden Frauen, Männer und Kinder«, zitiert Barbara Kärn-Wilk aus den Grundsätzen der »Omas gegen rechts«. 

Entstanden ist die »Bewegung« in Österreich im November 2017, in Deutschland nahm die pensionierte Lehrerin Anna Ohhnweiler den Faden auf, gründete in Nagold den deutschen Ableger der Initiative – und zwar als Facebook-Gruppe. »Meine Tochter hat mich aus Köln angerufen und gemeint: «Das wär doch was für dich«, berichtet Kärn-Wilk. Ihre Tochter kennt ihre Mutter, die schon immer »friedensbewegt« war, offensichtlich bestens. Die 76-Jährige setzte sich Anfang des Jahres mit Freundinnen in Verbindung und gemeinsam gründeten sie die Reutlinger Gruppe der »Omas gegen rechts«. Sabine Buder zählt dazu, Heike Jung, Irene Mutschler und einige andere mehr. »Wir sind momentan rund 20 Personen, ein Mann ist auch dabei und wir sind der Überzeugung, dass alt sein nicht heißt, still zu sein«, sagt Buder. Und man müsse weder weiblich, noch Oma oder Opa sein, um sich ebenfalls mit den Zielen zu identifizieren. Mitmachen könne jede und jeder. »Manche sind in den Startlöchern, haben aber wenig Zeit, weil sie noch berufstätig sind«, sagt Christine Mollenhauer. Vor Kurzem haben die Damen Kontakt mit der gleichnamigen Stuttgarter Initiative aufgenommen. 

Die Reutlinger »Omas« – sie sind zwischen 65 und 76 Jahren – haben sich mittlerweile an einer Europa-Demonstrationen in Stuttgart beteiligt, bei »Fridays for future« in Reutlingen oder auch am Tag der konstituierenden Sitzung des neuen Gemeinderats auf dem Reutlinger Marktplatz, als sie zusammen mit anderen gegen die AfD-Vertreter ihren Missmut äußerten. »Es gibt so viele Bedrohungen in der heutigen Welt«, sagen die Frauen. Vom aufkeimenden Rassismus über Klimakatastrophen, Kriege, Hunger und Elend. Die Reutlinger »Omas gegen rechts« wollen sich nicht damit begnügen, immer mal wieder bei Demonstrationen aufzutauchen. Sie wollen aufklären, informieren, aufrütteln. »Es geht darum, Menschen zu sensibilisieren, damit sie genauer hinschauen«, sagt Müller-Gemmeke und freut sich enorm über das Engagement der älteren Damen. »Das Programm der Rechten ist völlig frauenfeindlich, ich verstehe nicht, wie junge Frauen dort hingehen können«, sagt Carola Frese. »Es sind die einfachen Antworten, die locken«, antwortet die Grünen-Politikerin. Dann lädt Müller-Gemmeke die »Omas« nach Berlin ein. »Da gibt es doch auch eine von mittlerweile 60 Initiativen der »Omas», da könnten wir doch Kontakt aufnehmen«, begeistern sich die Frauen sofort für eine Reise in die Bundeshauptstadt.