Wenn schon der neue Albaufstieg auf sich warten lässt, vor 2022 ist nicht mit Bauarbeiten zu rechnen, dann bremsen wir eben den Verkehr auf der B 312 ein. Sagt die betroffene Gemeinde Lichtenstein. Ziemlich trotzig hört sich das an. Aber in Sachen Tempo 30 hat die Kommune im oberen Echaztal das Recht womöglich auf ihrer Seite. Wenn Lärm nachweislich krank macht, zusammen mit hohen Feinstaub-Konzentrationen, können Städte und Kommunen auf den Plan treten – den Lärmaktionsplan. Eine Folge ist, dass die Regierungspräsidien selbst Abschnitte auf stark befahrenen Bundesstraßen zu Tempo-30-Zonen erklären. Seit Mitte 2012 ist das auf der B 28 in Tübingen-Unterjesingen so. So soll dies nach dem Willen Lichtensteins künftig auch auf einer der Hauptverkehrsachsen im Land sein, also auf fast allen innerörtlichen Abschnitten der B 312 zwischen Unterhausen und dem Ortsende Honaus. Eine pfiffige Idee für den Teilort Holzelfingen ist: Sensoren in der Ortsdurchfahrt messen Raser.

Wer zu schnell fährt, bekommt an der nächsten Ampel zur Strafe dann einfach »Rot«. Die Moltkestraße in Unterhausen ist bereits entschärft worden und – zum Segen der Anwohner – keine Rennstrecke für »Abkürzer« mehr: Sie bekam bereits Tempo 30 und »rechts-vor-links« verpasst. Aber führt eine »30-er-Zone« auf der B 312 nicht zu einem Verkehrschaos – auf einer Straße, die von mehr als 22 000 Kraftfahrzeugen täglich genutzt wird? Lichtensteins Ortsbaumeister Eberhard Heyd winkt ab. Der Mann hat die Strecke im angeblichen »Schneckentempo« mehrfach abgefahren – und war gerade zwei Minuten länger unterwegs. Fest steht: Wenn nachgewiesen kann, dass der Lärm die Anwohner krank macht – und die vorgeschlagenen Maßnahmen »zulässig und rechtsfehlerfrei« im Lärmaktionsplan aufgenommen sind, sind die Behörden verpflichtet, Abhilfe zu schaffen, teilte das Verkehrsministerium den Städten und Gemeinden zwischen Odenwald und Bodensee mit. Damit setzt Stuttgart eine Verordnung der EU aus dem Jahr 2002 um. Ein Ingenieurbüro hat Beweise über den krankmachenden Krach in Lichtenstein in seiner Lärmstudie längst vorgelegt.

»Eine klare Handlungsanweisung für den Bund als Straßenbaulastträger ist das«, sagt Bürgermeister Peter Nußbaum – und mit ihm seine Gemeinderäte. Doch das Verfahren ist aufwendig, es ähnelt einem kompletten Bebauungsplanverfahren. Dabei müssen im Vorfeld Anlieger, Behörden und benachbarte Kommunen befragt werden. Klar, dass sich da Pfullingen sofort gemeldet hat. Befürchtet wird vom Nachbarn eine Verlagerung des Verkehrs über die Stuhlsteige. Und natürlich hat Pfullingen selbst auch einen Lärmaktionsplan. Kaum zu glauben: Obwohl zur Entlastung des innerstädtischen Verkehrs Ende 2003 der Ursulabergtunnel seine Röhren öffnete, werden im Westen der Stadt auf der Römerstraße heute wieder 14 000 Autos täglich gezählt. Und auf der Marktstraße sind es bisweilen immer noch rund 13 000 motorisierte Vehikel. In der Stadtmitte stockt frühabends am Lindenplatz der Verkehr weiterhin. 

Ach, die Deutschen und ihr »Heiligsblechle«, mag man denken, die suchen sich eben immer den vermeintlich schnellsten Weg. Da hilft auch kein Appell an die Vernunft – oder gar der erhobene Zeigefinger. Doch die »Abwehrhaltung« ist klar vorgezeichnet, ob’s den motorisierten Individualverkehr nun nennenswert beeinträchtigt, oder auch nicht: Die Städte und Gemeinden im Land stellen zurecht ihre gut begründeten Lärmaktionspläne auf – und hoffen, dass ihr jeweiliges Anliegen Gehör findet. Wir werden uns also an flächendeckende Tempolimits – auch und gerade auf Bundesstraßen – einstellen müssen. Dazu kommen »geschmeidigere« Kanaldeckel und Subventionen für schallgeschützte Fenster. Nur eines kommt nicht: Deutlich mehr Geld für weitere Umgehungsstraßen. Das weiß Stuttgart - und das gibt Berlin auch offen zu.