Kaum ein Thema eignet sich so gut für emotionale Debatten wie die Frage nach einem Tempolimit. Die Rede ist dieses Mal nicht von des Autofahrers liebstem Kind, der Autobahn. Nein! Es geht um die Einführung von Tempo 30 in Innenstädten. Eningen und Pfullingen haben hier Zeichen gesetzt: Tempo 30 in Durchgangsstraßen. Auch in Metzingen ist das Tempolimit in der Ortsdurchfahrt ein Aufreger. In Unterhausen ist die Regelung noch extremer. Da braucht man schon eine gute Uhr, um entsprechend reagieren zu können. Die lärmgeplagten Anwohner machen mobil. Verständlich. Was aber bringt Tempo 30? 

Zu Anfang ein kleiner Blick zurück, der Erstaunliches zutage fördert: In der jungen Bundesrepublik gab es vom 23. Januar 1953 bis zum 31. August 1957 gar keine Geschwindigkeitsbeschränkung für Personenwagen und Motorräder. Nicht in der Stadt, nicht auf dem Land, nirgends.  Tempo 50 in der Stadt wurde erst vor rund 60 Jahren eingeführt, Tempo 100 auf Landstraßen gar erst 1972.
Nun will niemand zurück in die automobile Steinzeit, niemand bestreitet, dass Tempo 30 vor Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen, Schulen und Kindergärten oder in reinen Wohngebieten seine Berechtigung hat. Doch mittlerweile hat - angestoßen vom Umweltbundesamt im Jahr 2017 - die Diskussion über eine flächendeckende Einführung von Tempo 30 in Städten begonnen. Und sie wird allerorten hitzig geführt. Laut einer Statistik gilt bereits in 75 Prozent aller Straßen in geschlossenen Ortschaften Tempo 30.

Der Pfullinger Gemeinderat hat im November 2017 sowohl den Lärmaktionsplan als auch die flächendeckende Ausweisung von Tempo-30-Zonen in Wohngebieten beschlossen. Grundlage sind über 60 Dezibel in der Nacht, tagsüber sind es manchmal über 70 Dezibel. Bei den Durchgangsstraßen in Pfullingen bleibt es bei Tempo 30 zwischen 22 und 6 Uhr - in einigen Nebenstraßen sieht es anders aus. In Eningen gilt es ganztägig mit dem Ergebnis, dass sich die Autos und Lastwagen noch langsamer durch die Stadt quälen als vorher. In Metzingen geht es um die Wilhelmstraße und um die B 313, die vom Neugreuth als Ost-Tangente über die alte Samtfabrik stadtauswärts führt. Wenn es nach den Anwohnern geht, sollte möglichst eher heute als morgen Tempo 30 für die Ortsdurchfahrt gelten, wie Anhörungen ergaben. Doch Kritiker regt es auf im Schneckentempo durch die Stadt zu »gurken«. Der Lärmpegel werde dadurch auch nicht wesentlich gesenkt. Denn Verkehrslärm entsteht durch zwei Quellen: auf das Geräusch des Motors und das der Reifen. Beide Lärmquellen unterliegen dabei unterschiedlichen Parametern. Das Motorengeräusch ist abhängig von der Drehzahl. Hohe Drehzahlen mit einer entsprechenden Lärmentwicklung ergeben sich erfahrungsgemäß besonders häufig beim Beschleunigen in den niedrigsten Gangstufen. Je stärker der Fahrer in einem Gang beschleunigt, desto größer ist auch die Lärmentwicklung. Das Motorengeräusch bei Tempo 30 im dritten Gang unterscheidet sich deshalb nicht wesentlich von dem bei Tempo 50 im vierten Gang. Das Reifengeräusch ist abhängig von der Geschwindigkeit. Je schneller sich ein Fahrzeug fortbewegt, desto höher ist die Lärmentwicklung. Diese erreicht aber erst über 50 Stundenkilometern eine Lautstärke, bei der sie das Motorengeräusch auf signifikante Weise übertönt. Im Stadtverkehr sind es in erster Linie die hohen Drehzahlen, die für Motorenlärm zuständig sind, da entsprechende Drehzahlen auch in niederen Gängen erreicht werden. Messungen zufolge beträgt der Unterschied zwischen Tempo 30 und 50 gerade mal zwei Dezibel. 

In Metzingen kommt erschwerend hinzu, dass bereits heute Tempo 30 wegen einer Baustelle für die Wilhelmstraße ausgeschildert ist, aber die versprochene neue Verkehrsführung, die den Durchgangsverkehr und die Outlet-Besucher aus der Innenstadt heraushalten soll, erst 2020 umgesetzt werden können, wenn das G&V-Areal fertig ist. Angedacht ist Tempo 30, die Hürden sind allerdings hoch, da es sich bei der Wilhelmstraße und der B 313 um Erschließungsstraßen handelt. Auffallend an der aktuellen Entwicklung – nicht nur im Kreis –- ist, dass viele Bewohner an Durchgangsstraßen ihr Recht auf weniger Lärm und Abgase durchsetzen wollen, beim Kauf oder der Anmietung der Immobilie aber den günstigeren Preis wegen dieses Nachteils im Gegensatz zu einem ruhigen Wohngebiet gerne in Kauf genommen haben. Ähnlich sieht es mit Partys in Innenstädten oder dem Flughafenlärm aus. Da gibt es ja auch gewisse Verbote. Doch meckern und gleichzeitig einen Nutzen daraus ziehen ist schon mehr als fragwürdig!