»Reutlingen hat sich in der Bundesliga den vierten Tabellenplatz erkämpft«. Das hört sich gut an, hat aber leider nichts mit den SSV-Kickern zu tun. Vielmehr geht es um das giftige Stickstoffdioxid in der Luft, das in der »Lederstraße-Ost« tagtäglich aufs Mikrogramm genau registriert wird. Die Champions-League Plätze nehmen München und Stuttgart ein. Der bislang schmutzigste Schadstoff-Produzent am Stuttgarter Neckartor gab die Führung in Sachen Stickstoffdioxidbelastung an die Landshuter Allee in München ab.  Aufatmen indes kann man wegen einer neuen Teilentwarnung kaum.

Auch Durchschnaufen wäre angesichts des Themas der falsche Begriff. Aber es ist schon ein wenig beruhigend, was Bundes-Umweltweltministerin Barbara Hendricks zu berichten weiß: Eine »übermäßige Belastung« mit Feinstaub – zum Beispiel auch Gummiabrieb von Autoreifen – sei in Deutschland fast kein Thema mehr. Auch nicht mehr in Reutlingen.

Dünner wird die Luft dort aber schon – für die Rathausspitze. Die muss bald handeln wegen der immensen Stickstoff-Dioxid-Belastungen in der Lederstraße. 66 Mikrogramm pro Kubikmeter wurden dort gemessen, der Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm. Am so »berühmt« gewordenen Stuttgarter Neckartor sind es 78 Mikrogramm.
Immerhin: Mit der Öffnung des Scheibengipfeltunnels hat der Ost-West-Verkehr in der Lederstraße merklich abgenommen. Dennoch muss auch Reutlingen nachhaltige, schlüssige Maßnahmen zum Luftreinhalteplan vorlegen. Aber den Reutlinger Beamten bläst jede Menge Gegenwind ins Gesicht.


Stickstoffdioxid reizt die Atemwege und die Augen – die vorgeschlagenen Projekte der Stadt jedoch vor allem die CDU und die FWV im Gemeinderat. Und die regionale Wirtschaft. So hält die Industrie- und Handelskammer Reutlingen überhaupt nichts von Fahrverboten für Lastwagen. »Die Folgen für das wirtschaftliche Leben in Reutlingen sind nicht abzusehen«, sagt der Spediteur Alexander Benz, der auch Vorsitzender des IHK-Verkehrsausschusses ist.
Die Christdemokraten im Gemeinderat wollen partout nicht glauben, dass es etwas bringe, die Zahl der oberirdischen Parkplätze um zehn Prozent zu reduzieren. Wobei sie da – ganz praktisch gesehen – recht hat. Wer keinen Parkplatz findet, kurvt umso länger kreuz und quer durch die Stadt, bis sich eine Lücke für »sei Heilig’s Blechle« auftut. Die CDU will mehr Park-and-Ride-Flächen für Pendler.


Und die Freien Wähler bezweifeln, dass es gut für die Luft wäre, auf der B 312 zwischen Südbahnhof und Stadthalle Tempo 40 einzuführen. Das steht aber ebenso auf der Liste der Stadt wie die Idee, die Konrad-Adenauer-Straße (B 28) zwischen AOK und Hohbuchknoten einspurig zu machen, die bislang zweite könnten dann Radfahrer bekommen. Was übrigens deren Verbände gar nicht wollen. Das sei viel zu nahe am großen Verkehrsgeschehen dort.
Womöglich hoffen die Rathausoberen, dass sich der Mensch, wie so oft, an Vieles gewöhnt, wenn’s erst mal da ist. Doch manche dieser – auch auf den zweiten Blick wenig Charme versprühenden – Luftreinhalte-Strategien sind nun wirklich leicht zu zerpflücken. Wird nämlich dem Individualverkehr Platz weggenommen, sorgt das für noch mehr Staus und stockenden Verkehr. Anhalten, Motor aus, Motor wieder anlassen, drei Meter weiter fahren, Motor wieder aus – und so weiter, über Kilometer. Den Stickstoff-Dioxid-Ausstoß vermindert das nicht. 


CDU und FWV haben ihre Einwände übrigens in Antragsform gegossen. Und so wird es auf die Schnelle wohl nichts mit dem Luftreinhalteplan. Wie überhaupt auch das Umweltbundesamt den politisch Verantwortlichen mitgeteilt hat: Stop-and-go-Verkehr ist zu vermeiden. Vermeiden müssen die Städte vor allem aber drohende Fahrverbote - und zwar bald. Denn am 22. Februar befasst sich das Bundesverwaltungsgericht mit dieser Frage – ganz grundsätzlich. Da ist es höchste Zeit, dass auch Stickstoff-Dioxid-Bundesligist Reutlingen schnell eine Lösung findet.