Nein, soweit ich weiß, ist der 3. Mai kein Feiertag. Und trotzdem wollen die Aktiven von Kulturschock Zelle und ROSA (Reutlingen for Organisation, Solidarity and Actions) eine »Nachttanzdemo« um 19 Uhr am Hauptbahnhof durchführen. Wie schon am Karfreitag auf dem Marktplatz mit nicht mehr als 50 Teilnehmern wollen sie damit auf die Trennung von Staat und Kirche hinweisen. Beziehungsweise auf das Tanzverbot an kirchlichen Feiertagen. Tanzen an und für sich ist ja auch eine tolle Sache. Beim Tanzen können sich die Menschen näher kommen. Und ganz einfach Spaß haben. Nur: Muss das ausgerechnet am Karfreitag sein? Okay – die jungen Menschen wollen sich nicht vorschreiben lassen, wann sie tanzen dürfen. Und wann nicht. Wenn es einem nun ausgerechnet am Karfreitag im Tanzbein juckt, soll man sich dann trotzdem still verhalten müssen? In einem Leserbrief im GEA wurde diese Frage eindeutig als »erschreckende Intoleranz« bewertet. Ein anderer Schreiber befürchtet gar, dass in der Folge von einer Missachtung des Tanzverbots »christliche Kirchen abgerissen werden müssen«. Noch ein anderer Leserbriefverfasser behauptete, »dass diese Damen und Herren und Diverse ja dafür bekannt sind, dass sie nur das fordern und machen, was zu ihrem Vorteil ist«. 

Letzteres ist nichts als eine Unterstellung. Weiß der Schreiber, wie und wo sich die jungen Menschen ansonsten noch engagieren? Ich bin mir sicher, dass er es nicht weiß. Vielleicht aber sollte man generell bei dem Thema Tanzverbot sowie der Trennung von Kirche und Staat ein wenig die Luft rauslassen. Warum ist es nicht möglich, dass die Zellis auf ihrer Echaz-Insel an einem Karfreitag tanzen? Schließlich befindet sich dort ja keine Kirche in direkter Nachbarschaft, in der sich Gottesdienstbesucher durch laute Musik aus der Zelle gestört fühlen könnten. In der Nähe befinden sich bekanntlich lediglich Job- und Eros-Center. Das eine hat ja bekanntlich am Karfreitag geschlossen - und das andere, das erotische Center? Keine Ahnung. Eine interessante Frage am Rande wäre das aber schon: Gibt es eigentlich ein Bordell-Besuchsverbot an Feiertagen? Wäre doch ganz sinnvoll? Oder stört sich da niemand dran? 

Allerdings könnte man auch zu den jungen Menschen von ROSA und Zelle sagen: Lohnt es sich, angesichts von vier Feiertag-Tanzverboten pro Jahr, solch einen Aufstand zu machen? Ein Maskierter (warum eigentlich?) von ROSA hatte am Karfreitag auf dem Marktplatz gesagt: »Feiern verbindet Menschen und ist eine Prävention gegen Hass und Vorurteile.« Sofort würde ich das unterschreiben. Wer zusammen feiert, wird sich kaum gegenseitig die Rübe einschlagen. (Außer die Feiernden haben sich ein paar zu viel hinter die Binde gegossen.) Zum gemeinsamen Feiern kann man also durchaus aufrufen. Aber ausgerechnet am Karfreitag? Klar, die Zahl der Gläubigen geht immer weiter zurück - dennoch gibt es in Reutlingen immer noch eine ganze Menge gläubige Menschen, die sich zumindest an diesem Tag durch feiernde und tanzende Menschen gestört fühlen könnten. Allerdings würden die wiederum kaum am Karfreitag in die Zelle gehen. Oh verdammt, ist das schwierig. 

Aber: Was soll die Aufregung eigentlich? Ein wenig Verständnis von beiden Seiten täte wohl gut. »Die Stadtverwaltung setzt alles daran, zu regulieren und zu verbieten, wann immer ihr der Tag, die politische Message, oder einfach auch nur die Art und Weise, wie wir unsere Meinung kundtun wollen, nicht passt«, hatte ein ROSA-Sprecher am Karfreitag gesagt. Vielleicht spricht da außer Frust auch die grundsätzliche Abneigung gegenüber Staatsgewalten heraus? Vielleicht ist solch eine Haltung ebenso unpassend, wie die eines bereits zuvor zitierten Leserbriefschreibers: »Es wäre empfehlenswert, wenn diese Zeitgenossen mal für längere Zeit in ein diktatorisches Land ziehen würden.« Das klingt doch verdammt stark nach solchen Äußerungen wie zu Zeiten, als die Mauer noch stand. Und als denjenigen Bundesbürgern, die eine andere Meinung vertraten als die gängige, entgegen geschrien wurde: »Geht doch nach drüben, wenn’s euch hier nicht passt.« Ach, eins noch: Ich wünsche all den jungen Menschen, die am Freitag am Hauptbahnhof bei der Nachttanzdemo dabei sein werden, ganz viel Spaß und Vergnügen. Und hoffentlich möglichst viele gute Begegnungen beim gemeinsamen Feiern. Egal, ob Feiertag oder nicht.