Sehr passgenau für die Geschäfte in der City und deren Publikum endet in diesem Jahr der Reutlinger Weihnachtsmarkt bereits am Donnerstagabend. Jetzt noch zwei Tage gezielt einkaufen gehen – und sich dann in Ruhe auf das Fest freuen: Denn der Heiligabend ist heuer für die vielen Beschäftigten im Einzelhandel ein Segen, da es ein Sonntag ist. Lediglich zwei große Bäckereibetriebe scheren aus. Viele Gerüchte, Unklarheit und vollkommen gerechtfertigte, gewerkschaftliche Proteste gab es mit Blick auf diesen Sonntag im Vorfeld. Von Ausnahmeregelungen für die Geschäfte war die Rede – und von Beschäftigten, die sogar darauf gedrängt hätten, diesen fürstlich entlohnten Heiligabend noch »mitnehmen« zu dürfen. Im Ruhrgebiet mussten Supermarktketten sogar auslosen, wer an diesem Vierten Advent arbeiten »darf«.
Und in der Tat dürfen nur Gastronomen, Lebensmittelgeschäfte wie Bäckereien oder Metzger sowie Weihnachtsbaumverkäufer aufmachen und müssen bis spätestens um 15 Uhr schließen, so die Bestimmungen. In den Innenstädten verzichten die allermeisten Reutlinger Geschäftsleute aber ohne großes Nach- und Profitdenken. Und wer es als Kunde nicht schafft, sich für diese drei Tage mit genügend Essen und Getränken einzudecken, ist selbst schuld. 


Ansonsten gilt: »Am Sonntag gehören Papi und Mami mir«. So lautet eine uralte gewerkschaftliche Forderung – und natürlich stimmten die Kirchen vehement mit ein, schließlich geht es 2017 ja um den Heiligabend. Als im Sommer noch nicht ganz genau feststand, wie es mit möglichen Ausnahmen für den Einzelhandel insgesamt aussieht, hatte der Reutlinger Christian Wittel eine Umfrage gemacht. Der Vorsitzende von RTaktiv, dem Bündnis für Handel und Gewerbe erfuhr: »Praktisch ist niemand auch nur auf den Gedanken gekommen, am Heiligabendsonntag zu öffnen«. Und an diesem Sonntag wird es noch etwas besinnlicher zugehen in der Reutlinger Innenstadt. Manche Leute sind empört, andere finden es sehr angenehm: Die Außenbars wird es nicht geben. Was für ein Trubel war das doch sonst immer – am Vormittag der so stillen und so Heiligen Nacht.


Letztes Jahr hatten zwei Dutzend Lokale die Lizenz zum Ausschank erhalten. Bis 15 Uhr war rund um die Marienkirche und auch in der Oberamteistraße feuchtfröhliches »Vorglühen« erlaubt. Das wird es heuer nicht geben. Außerdem ist an Heiligabend um 10 Uhr, wie an allen Sonntagen, schließlich Gottesdienst in der Marienkirche. Der ist gesetzlich besonders geschützt. So sind an Sonntagen und gesetzlichen Feiertagen »im Umfeld von Kirchen alle Handlungen zu vermeiden, die geeignet sind, den Gottesdienst zu stören«. Und dem sollten Menschen guten Willens – egal welcher religiösen Prägung – ja hoffentlich auch zustimmen können. »O, Du fröhliche« … und »Süßer die Gläser nie klingen«: Diese aushäusige Rudelbildung, gekennzeichnet allerdings von höchst friedvoller und zutraulicher Geselligkeit – selbst unter Fremden – fällt am Sonntag in Reutlingen also aus. Dabei haben derartige Treffen Tradition. 


Als Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts in Deutschland Fußgängerzonen wie Pilze aus dem Boden schossen, trafen sich dort – vor allem an Heiligabend, Menschen, die sich sonst das ganze Jahr über nicht sehen: Studenten, Soldaten, Zivildienstler, auch begegnete man vor den Gaststätten alten Schulkameraden, die sich im Laufe der Zeit vom Hippie in den Rechtsanwalt im feinen Zwirn verwandelt hatten. Und viele führten ihren Weihnachtsbesuch in den Brauch ein, der vor dem Fest noch einen zünftigen Umtrunk vorsieht.  »Sperrbezirk« hin oder her: Auch an diesem Heiligmorgen wird die Reutlinger Innenstadt wieder voll sein. Mit dem Unterschied, dass uns heuer am vierten Adventssonntag keine Gestalten mit gehetztem Blick über den Weg laufen, die noch auf den letzten Drücker Geschenke kaufen müssen. Gerade denen sei hiermit ein besonders froher und endlich einmal besinnlicher Heiligabend gewünscht.