»Grün ärgern – Blau wählen – AfD«, ist auf einem Plakat der »Alternative für Deutschland« in Reutlingen zu lesen. Das klingt irgendwie nach Kindergarten. Nach ätsch-bätsch-langer Nase - aber eben alles andere als nach konstruktiven Vorschlägen für eine bessere Kommunalpolitik. Naja. Die Reutlinger Christdemokraten haben sich vor allem darüber geärgert, dass einige ihrer Wahlplakate abgerissen und durch Plakate von anderen Parteien ersetzt wurden. Das sei laut Elisabeth und Dieter Hillebrand nicht nur frech, sondern auch eine Straftat. »Wenn mir das nicht zu blöd wäre, würde ich Anzeige erstatten«, sagte Dieter Hillebrand. Den Freien Wählern ist sowas offensichtlich noch nicht passiert. Jürgen Fuchs lobte am Samstag »den fairen Wahlkampf«. Als Geschenk gab’s von der FWV eine quietschgelbe Gummi-Ente. Und natürlich Flyer mit Wahlempfehlungen. Die gab’s an jedem Stand, die Dreingaben unterschieden sich jedoch und reichten von Kresse-Samen und Spätzle bei der CDU bis zu Blumensamen und Windräder bei den Grünen.

Was nahezu alle Kandidaten an allen Ständen erlebt haben: dass Bürger »einfach mal abladen« wollten, einfach mal abkotzen - egal, ob Kommunal-, Landes- oder Bundespolitik betroffen war. Ist ja auch gar nicht so einfach, all das auseinanderzuhalten. Und führt vielleicht auch zu einer an den Ständen häufig registrierten Politikverdrossenheit. Ob die Forderungen von AfD und WiR nach mehr Bürgerbegehren (zum Beispiel bei der Ablehnung des hohen Stadthallenhotels) tatsächlich mehr Transparenz schaffen würde, wie von beiden Parteien gefordert? Auf jeden Fall habe WiR »keine Schnittmengen mit der AfD, die hat vielleicht eine Schnittmenge mit uns«, sagte Prof. Jürgen Straub (WiR). Ach so. Andere Frage: Ob die bunten Luftballons am Stand der FDP am Samstag zur Stimmungsverbesserung beigetragen haben? Die Meinung von Regine Vohrer lautete auf jeden Fall: »Wir machen in Reutlingen eine sehr ideologiefreie, ordentliche und pragmatische Politik.« Das sagen die anderen Kandidatengruppierungen auch fast alle. Die SPD ist allerdings mehr für das Soziale, die Linken noch ein bisschen mehr, die Grünen sowieso, mit dem Umweltaspekt obendrauf. Und jetzt fährt ja sogar die CDU Fahrrad und fordert vehement die Umsetzung des Radmasterplans. Und wird auch noch sozial: Birgit von Vacano versucht mit ihrer Fachkenntnis im Bereich der Familien- und Kinderbetreuung in ihrer eigenen Partei »dicke Bretter zu bohren« und damit bei der CDU für die soziale Kompetenz in der Gemeinderatspolitik zu stehen. 

Warum aber überhaupt CDU wählen? »Warum nicht«, entgegnete Rainer Löffler und forderte Argumente ein. Weil der bisherige CDU-Fraktionsvorsitzende im Reutlinger Gemeinderat nicht mehr für den Gemeinderat kandidiert, muss er mit seiner seltsamen Art des Stimmenfangs natürlich auch keine Befürchtung hegen, nicht mehr gewählt zu werden. Apropos »nicht mehr kandidieren«: Bei einigen Kandidaten jeglicher Farbe muss man sich doch fragen, ob sie mit weit über 60 oder gar mehr als 70 Jahren nicht doch besser in den verdienten kommunalpolitischen Ruhestand hätten wechseln sollten. Und damit Platz für die Jugend machen. Das jedoch... ist offensichtlich gar nicht so einfach. Auch wenn das hohe Alter auf viel Weisheit deuten könnte – vielleicht verbirgt sich aber auch Altersstarrsinn dahinter?

Wir wissen es nicht. Vielleicht liegt das hohe Durchschnittsalter der Kandidaten aber auch daran, dass sich nur zu wenige Jüngere, also unter 50-jährige finden lassen, die sich für Kommunalpolitik erwärmen könnten? Natürlich muss man ja auch die Zeit für dieses Engagement aufbringen können. Und wollen. Allerdings beweisen die zahlreichen Kandidaten, die schon seit vielen Jahren im Gemeinderat sitzen und unbedingt wieder gewählt werden wollen, ja auch eines eindeutig: Dass Kommunalpolitik Spaß machen kann. Oder wie Michael Schwenk (Grüne) bei einem Podium in Bad Urach betonte: »Das Engagement im Gemeinderat erweitert den Horizont enorm.« Und Ulrich Meyer (SPD) zeigte sich überzeugt: »Wir leben in einem so tollen Land, wer kann, sollte sich unbedingt kommunal engagieren.« Oder zumindest wählen gehen.