Wir wissen alle: Die Luft in Reutlingen ist schlecht. Sehr schlecht sogar. In anderen Städten sieht das nicht anders aus, deshalb werden die betroffenen Kommunen nun massiv aufgefordert, daran gründlich was zu ändern. Und zwar nicht von irgendjemand, sondern von der EU. Und vom Verwaltungsgericht Sigmaringen etwa, dass im Falle Reutlingens nun mindestens ein Auge drauf hat, dass Maßnahmen zur Luftverbesserung ergriffen werden. 


Dabei tun wir doch schon eine ganze Menge, beteuert Bürgermeisterin Ulrike Hotz immer wieder. Jaja. Vergangene Woche wurden etwa Fetthennen auf die Lederstraße losgelassen. Das sind nun keine Vögel oder besonders große Grillhühner wie der Name vermuten lassen könnte. Dabei handelt es sich um zwei Stellwände, die mitten in der Fahrbahn vor der alten Feuerwache platziert wurden. Was das soll? Es handelt sich um einen Versuch, die Luft dort zu verbessern. Beziehungsweise den Stickstoffdioxidgehalt an selbiger Fahrbahn zu senken. Eine dieser Stellwände kostet
28 000 Euro, plus 7000 für das Fundament. Macht mindestens schlappe 63 000 Euro. 


Sollte es dabei allein darum gehen, den Dreck in der Luft in der Lederstraße zu minimieren - dann könnte man ja ganz ketzerisch auch einfach mal sagen: Dann stellt doch die Messstation an einen anderen Ort in der Stadt auf. Dorthin, wo deutlich weniger Verkehr unterwegs ist. Das wäre zwar Augenwischerei, aber - bewirken diese Fetthennen nicht genau das Gleiche? Viel rausgeworfenes Geld, um punktuell die Luft ein klein wenig besser zu machen? An diesem Punkt können wir gleich weiterleiten zu einer Informationsveranstaltung im Spitalhof, bei der ebenfalls vergangene Woche das Regierungspräsidium (RP) Tübingen die vorläufigen Ergebnisse zum etwas sperrig formulierten »Entwurf zur 4. Fortschreibung des Luftreinehalteplans« bekanntgegeben hatte. 


Neben einer großen Vielzahl an Fachleuten von Fachbüros hatte das RP natürlich selbst daran mitgewirkt. Ebenso wie das Verkehrsministerium und auch eine sogenannte »Spurgruppe«. Warum die so heißt? Vielleicht, weil sie dem besten Konzept für bessere Luft auf die Spur kommen sollte? Weit gefehlt. Zwar hatten rund 20 Ehrenamtliche aus den verschiedens-ten Bereichen wie Handwerkskammer, BUND, ADFC und einige mehr sich ein Jahr lang mit der Ist-Situation und den Ursachen der schlechten Luft in Reutlingen beschäftigt. Gleichfalls setzten sie sich mit mehr als 120 möglichen (oder auch unmöglichen) Maßnahmen gegen den Dreck auseinander.


Dieser Teil der Tätigkeit wurde von den Spurgruppen-Teilnehmern durchaus als positiv und lehrreich bewertet. Nur: Dass einen Tag vor der entscheidenden Sitzung – als nämlich über das wirkungsvollste von drei Paketen (Szenarien) mit insgesamt 26 Maßnahmen entschieden werden sollte, hatte das RP schon via Zeitung veröffentlichen lassen, dass Szenario 3 das vermeintlich beste sei. Ein Hammer war das. »Das kam bei uns natürlich nicht so gut an«, sagte vergangene Woche bei einer Info-Veranstaltung Reinhard Benneken vom BUND. Anders formuliert: Auch wenn es sich bei dieser vorzeitigen Veröffentlichung durch das RP vermutlich um ein Versehen handelte – besser hätte den ehrenamtlich wirkenden Spurensuchern nicht unter die Nase gerieben werden können, dass sie an selbiger herumgeführt worden sind. »Verarscht« wäre ein unschöneres Wort dafür. So wie der Entwurf vergangene Woche präsentiert wurde, sei es zu 100 Prozent das Werk des RP, so Benneken. »Kernstück des Plans ist die weiträumige Verkehrsverlagerung weg von der Messstation in der Lederstraße – die weitergehenden Vorstellungen der Spurgruppe enthält er nicht.«


Im Übrigen hat auch Bürgermeisterin Ulrike Hotz den Entwurf abgelehnt: Die Stadt wolle auch keine Verlagerung des Verkehrs aus der Lederstraße in die Oststadt und forderte stattdessen, dass Bund und Land ihre Aufgaben erledigen müssten. Indem etwa die Regionalstadtbahn in den Luftreinhalte-Entwurf aufgenommen werde. Indem aber auch mit der Umrüstung von Diesel-Kfz die Voraussetzungen für die »blaue Plakette« geschaffen werde. Und indem »spezielle Förderprogramme für Städte mit Luftreinhalteproblemen« aufgelegt würden, so Hotz.