Ja, da könnte einem tatsächlich der Hut hochgehen. Wenn man sich früh morgens ins Auto setzt, um zur Arbeit zu fahren. Und man dann mal wieder gefühlte Stunden an einer der noch offenen Steigen im Kreis Reutlingen im Stau steht. Und die Aussicht, abends auf dem Heimweg genau das Gleiche wieder zu erleben - das ist nicht lustig. Das ist ärgerlich. Und obendrein auch noch frustrierend. 

Wie aber ergeht es erst den Anwohnern etwa in Unterhausen, die tagtäglich rund 18 000 Fahrzeuge erleiden müssen. An der Holzelfinger Steige zweigen dann im Normalfall rund 9 000 ab, der Rest quält sich über Honau. Nun ist die Steige Richtung Holzelfingen aber seit Oktober zu. Und die Stuhlsteige in Pfullingen obendrein. Also müssen die Honauer Anwohner noch viel mehr Verkehr erdulden. Und die Gönninger auch. Doch was tun? Angesichts der Tatsache, dass wir selbst, wir alle doch Teil des Problems sind? Weil wir ja auch Auto fahren. Weil wir ja mittendrin sind als Fahrzeuglenker. Okay, das will nun wieder niemand hören. Stattdessen nimmt man gerne andere aufs Korn. Das Kreis-Straßenbauamt etwa. Dessen Fähigkeit wird ja gerne grundsätzlich angezweifelt, wenn’s auf irgendwelchen Straßen mal wieder klemmt. Und wie kann man nur auf die blödsinnige Idee kommen, die Holzelfinger und die Stuhlsteige gleichzeitig zu sperren? »Das ist eine Sauerei«, war am Samstag zu hören. »Da ist doch seit Jahrhunderten nichts passiert«, rief ein anderer Mann, der offensichtlich alles besser wusste. »Schnee- und Sturmbruch an der Stuhlsteige«, erläuterte Udo Pasler in aller Ruhe die Aufräum- und Sicherungsarbeiten dort. Und dass die Holzelfinger Steige nun vier Monate länger geschlossen sein müsse, das habe mit der punktuell extrem porösen Hangbeschaffenheit zu tun. 

Um nämlich den riesigen Steinschlag-Schutzzaun zu installieren, müssen bis zu zwölf Meter lange Bohrungen und Verankerungen vorgenommen werden. Ein sehr aufwändiges und zeitintensives Verfahren - das nach dem geologischen Gutachten so nicht zu erwarten gewesen sei, betonte Udo Pasler als Leiter des Kreis-Straßenbauamts den mehr als 50 interessierten Zuhörern am Samstag bei der Baustellen-Begehung. So manche der Anwesenden ließen sich dennoch nicht beruhigen. »Es kann doch nicht sein, dass da an manchen Tagen nur zwei Leute im Hang schaffen«, rief einer der Aufgeregten. Grundsätzlich sei es nach den Worten von Udo Pasler nicht einfach, solche Spezialfirmen zu kriegen: In Deutschland und Österreich gebe es nur fünf oder sechs davon - die zudem bundesweit an zahlreichen Baustellen aufgrund des Natur- und Artenschutzes nur in einem begrenzten Zeitraum arbeiten können und dürfen. Und die benötigten Spezialbohrer seien ebenfalls nicht im Baumarkt erhältlich. »Wir müssen froh sein, wenn wir überhaupt die Fachleute und das Material hier vor Ort haben«, berichtete Arndt Schäfer vom Kreis-Straßenbauamt. Weil zudem Minustemperaturen die Arbeiten an der Holzelfinger Steige phasenweise verhindert hätten, stockte die Maßnahme zusätzlich. »Wenn es friert, können wir in die Bohrstellen kein Zement pressen, der würde dann sofort gefrieren«, so Schäfer. 

Das ist also alles nicht so einfach. Und wer den Hang am Samstag mit diesem Riesenzaun gesehen hat, der wird sich fragen müssen, wie solche Arbeiten in solch extrem steilen und rutschgefährdeten Gelände überhaupt möglich sind. »Stellen Sie sich mal vor, wir hätten die Steigen nicht gesperrt und Menschen wären zu Schaden gekommen, dann hätte es sofort geheißen: Wieso habt ihr die Straße nicht gesperrt«, sagte Pasler. Den verkehrsgeplagten Anwohnern in Honau, Unterhausen oder in anderen Ortschaften hilft das momentan auch nicht weiter. Und die Autofahrer, die täglich Stunden im Stau verbringen? Umsteigen wäre eine Möglichkeit. Auf öffentliche Verkehrsmittel. Nun werden viele verächtlich die Luft durch die Nase ausstoßen - »wenn es einen vernünftigen ÖPNV gäbe«, werden viele sagen. Ja. Das stimmt.

Aber der soll ja ausgebaut und verbessert werden. Nur: Solange der Leidensdruck noch nicht so hoch ist, dass man aktiv versucht zur Verkehrsvermeidung beizutragen, solange man sich lieber allein in seiner Blechkutsche bewegt - solange wird man auch weiterhin einsam im Stau stehen, vor sich hinfluchen über all die Autos, die hier rumstauen. Und sich dabei immer wieder fragen: »Was wollen die alle hier?« Eine gute Nachricht zum Schluss: Nach dem Lkw-Brand an der Honauer Steige wird die Fahrbahn dort erst saniert, wenn die Holzelfinger Steige wieder auf ist. Und das dauert nur zwei Tage. Allerdings mit Vollsperrung.