Es waren einmal vier Lamas auf einer wunderbar grünen Wiese. Die Tiere standen da vor sich hin, grasten, spuckten nicht mal, erfreuten zahlreiche Kinder und ihre Eltern, die dort spazierengingen. Weil aber auf dieser herrlich grünen Wiese auch eine Tanne stand, die sich auf das Grundstück der Nachbarin neigte, ersann sich die Frau eine kleine Gemeinheit. Sie suchte und fand nämlich heraus, dass nach den Gesetzen und Bestimmungen dieser wunderschönen Stadt, in der sich die Wiese befand, geschrieben stand: in dem Wochenendgebiet mit den herrlichen Wiesen sei gar keine Tierhaltung erlaubt. Und somit auch keine Lamas, seien sie auch noch so kuschelig-wuschelige Tiere. Oh, welch’ Wunder, welch’ gute Gelegenheit tat sich da auf für die Tannen-geplagte Frau, um dem Lama-Halter ein Schnippchen zu schlagen. Ganz nach dem Motto: Wie du mir mit deiner Tanne, so ich dir mit deinen Lamas. 
Was sich hier so märchenhaft anhören mag, stammt aber nicht aus einem dicken Buch der Brüder Grimm, sondern aus der knallharten Realität in Reutlingens Teilgemeinde Sondelfingen. Im Norden der Gemeinde befindet sich jene Fläche, die tatsächlich etwas aufgeräumter aussehen könnte. Schuppen seien da nämlich auch nicht erlaubt, hatten Martina Goldhacker, Petra Kairies und Martin Mayer betont. Dieses Trio formierte sich, als ein Schild an dem Lama-Gelände auftauchte: »Ende – Aus. Lamas müssen weg. Die Stadt verbietet hier TIERHALTUNG.« Oh, wie böse. Wie arg. Was für eine ungerechte und unsensible Stadtverwaltung. Wo doch so viele Menschen sich für den Erhalt der Tiere auf der Wiese einsetzten. Über Facebook hatte sich nämlich die Nachricht vom Ende der Lama-Haltung in Sondelfingens Norden in Windeseile verbreitet.
Das Bürgerinitiativen-Trio »Pro Lama« war extrem aktiv. Sie gingen durch die ganze Gemeinde, klingelten an Haustüren, sammelten Unterschriften wie wild – mit ganz erstaunlichem Erfolg: 2185 Menschen unterschrieben die Aufforderung an die Stadtverwaltung, sie möge doch Gnade und Mitleid mit den Tieren haben. Beziehungsweise eine Ausnahmegenehmigung oder die Änderung des Bebauungsplans in Betracht ziehen, damit die herzallerliebsten Tiere bleiben können. Nun gehen die Meinungen über den Verbleib der Lamas weit auseinander: Neben den Unterstützern der Unterschriftenliste – zu denen laut »Pro Lama« mittlerweile auch die Nachbarin gehöre, die »nicht erwartet hatte, dass sie so eine Lawine lostritt« – gibt es auch einige andere Menschen, die sagen: »Was soll dieses Theater, würden sich die Unterstützer nur einen Bruchteil ihrer Zeit für arme, behinderte oder geflüchtete Menschen einsetzen, wäre viel mehr erreicht.« Dem könnte man zustimmen. Bringt aber im Fall der Lamas auch nicht weiter. 
Was ist also zu tun? Goldhacker, Kairies und Mayer hatten gesagt, sie wünschen sich eine »kreative Lösung«. Ja, gut. Aber wie sollte die aussehen? Würde man den Blick kurz weg von den Lamas wenden, sähe man unterhalb des Geländes eine weitere eingezäunte Wiese. Dort grasen Pferde. Die seien erlaubt, hatte die Stadtverwaltung vermeldet. Die Rösser würden nämlich auf einem Sondergebiet stehen, das da heiße »Fläche für Reitsportanlagen«. Ah ja. Könnte man diese Fläche nicht erweitern?Auf das Grundstück der Lamas ausdehnen? Nun heißt es zwar, dass die aus den Anden stammenden Tiere nicht zum Reiten geeignet seien. Aber vielleicht brauchen ja die Pferde ab und an einen Perspektivwechsel, vielleicht wollten alle Tiere dort ja unbedingt mal die Welt von der anderen Wiese aus betrachten? Wäre eigentlich ganz einfach. Aber ob eine Stadtverwaltung so was mitmachen würde? Schwer vorstellbar. Obwohl. Heißt ja nicht, dass alle dort Beschäftigten keine Fantasie haben. Ein bisschen was Märchenhaftes würde Reutlingen doch auch ganz gut zu Gesicht stehen. Im Rahmen des Markenfindungsprozesses. Vielleicht könnte man sich ja sogar auf ein neues Wappentier einigen.
Lama statt Adler. Wäre doch extrem putzig. Wie schnell wäre dann ein Platz für die Tiere gefunden. Vielleicht sogar im Hof des Rathauses. Quasi unter städtischer Aufsicht. Oder die Tiere würden halt doch in Sondelfingen bleiben. Auf einem Sondergelände »Wappentier Reutlingen«. Wäre doch schön.