»Ehe und Familie sind die Keimzelle des menschlichen Zusammenhalts«, sagte Asylpfarrerin Ines Fischer vergangene Woche in der Reutlinger Marienkirche. »Der Zusammenhalt in den Familien ist die wichtigste Grundlage einer menschlichen und zukunftsfähigen Gesellschaft«, zitierte Fischer weiter aus dem Grundsatzprogramm der CSU vom September 2007. »Der Familiennachzug bleibt ausgesetzt«, ruft daraufhin ein Chor von Mitarbeitern der Flüchtlingsarbeit und Pfarrern, die das »Politische Nachtgebet« am Dienstagabend vorbereitet hatten – diese Form des Protests soll künftig wieder ihren festen Platz in Reutlingen finden. »Familien sind das Fundament unserer Gesellschaft«, liest Fischer weiter vor. »Familie ist der Ort, an dem Partnerschaft und Solidarität gelebt wir«, heißt es im CDU-Grundsatzprogramm. »Der Familiennachzug bleibt ausgesetzt«, erwidert der Chor mehrfach, immer lauter, eindringlicher. »Eine erfolgreiche Kinder- und Familienpolitik gehört zu den Schlüsselfragen für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes«, ruft Fischer verzweifelt. So steht es im SPD-Programm geschrieben. »So schön und so verlogen«, zieht Jörg Mutschler in seiner Ansprache ein eindeutig negatives Fazit der politischen Verweigerungshaltung der Regierung gegenüber dem Familiennachzug von Kriegsflüchtlingen. »Kinder- und Familienschutz sind wohlfeile Lippenbekenntnisse der Regierungsparteien, Muster ohne Wert«, so der Pfarrer im Ruhestand.


»Die hehren Worte gelten offensichtlich nicht für Familien, die aus Kriegs- und Bürgerkriegsländern auf der Flucht sind.« Szenenwechsel: Gleich zu Beginn des »Politischen Nachtgebets« werden zwei Telefongespräche in den Raum der Marienkirche eingespielt: Einmal ruft Aaron seine Rebecca an, das andere Mal Suleiman seine Frau Fatmeh.

Der Inhalt der Gespräche ist nahezu der gleiche: Beide Männer haben ihr Land verlassen, sind geflohen, Frau und Kinder im »Heimatland« zurückgeblieben - Rebecca im Reutlingen des Jahres 1942, Fatmeh im bombardierten Afrin in Syrien 2018. »Überall wird geschossen, vielleicht trifft eine Bombe schon morgen unser Haus«, ruft Fatmeh Suleiman zu, der als Flüchtling an die Achalm gekommen ist. »Hol uns hier raus«, rufen sowohl Rebecca 1942 und Fatmeh 2018 in das Telefon. »Das geht nicht, die Deutschen haben ein Gesetz gemacht, ihr dürft nicht kommen«, sagt Suleiman verzweifelt. »Solche Telefongespräche von Flüchtlingen sind keine Erfindung, sie werden heute täglich geführt, von Menschen, die in höchster Not ihr Land und ihre Familien verlassen haben - da bräuchte es nicht mal die Erinnerung an Aaron und Rebecca«, resümierte Mutschler. 


»Es widerspricht den Grundüberzeugungen der christlichen Soziallehre, den Familiennachzug für wie viele Flüchtlinge auch immer zu verbieten«, zitierte Ines Fischer nun Norbert Blüm aus einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung im November 2017: »Das Verbot von Familiennachzug kommt einer staatlich erzwungenen Scheidung gleich - deshalb: Zieht die Notbremse, liebe Verhandlungsführer, und verhindert den Verrat an unseren besten Ideen.«


In Gebeten formulierten Pfarrer Eberhard Braun und Michael Dullstein während des »Politischen Nachtgebets« in der Marienkirche: »Wir sehen die Not und sind immer wieder fassungslos, wir danken allen, die sich für die Familienzusammenführung einsetzen.« Und: »Viele Menschen lassen sich nicht lähmen durch tägliche Schreckensmeldungen, sie verbreiten Hoffnung - wir möchten zu ihnen gehören«, so Dullstein. »Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht«, hatte Jörg Mutschler aus der Enzyklika des Jahres 1891 von Papst Leo 13. zitiert. 


»Ist die staatliche Verweigerung von Familiennachzug nicht Unrecht, das zum geltenden Recht erklärt wird«, fragte der ehemalige Hohbuch-Pfarrer. »Ist das Hinnehmen dieses Unrechts nicht ein Mitschuldig-werden an einem Verbrechen?« Wenn sich bei diesem verweigerten Familiennachzug auch der Vergleich mit der Diktatur der Nationalsozialisten aufdränge - »die BRD ist kein Unrechtsstaat«, so der ehemalige Hohbuch-Pfarrer. Dennoch: »Der Familiennachzug bleibt ausgesetzt, nicht aber unsere Menschlichkeit und nicht unser Widerstand - syrische Familien sollen leben, zusammen, in Sicherheit.« Womit alles gesagt ist.