Es ist der blanke Horror: Vor rund drei Wochen entdeckte ein Bewohner in der Friedrich-Naumann-Straße in Reutlingen eine Ratte. Aber nicht irgendwo im Gebüsch, der Kanalisation oder gar der Straße. Als der Bewohner des ersten Stockes im Hochhaus spätabends die geöffnete Tür zum Balkon schließen wollte, sah er das Viech mitten im Wohnzimmer sitzen. Geistesgegenwärtig schloss er die Wohnzimmertür, es war gegen Mitternacht. Nach kurzer Zeit schaute sich der Rollstuhlfahrer um, leuchtete mit der Taschenlampe alles aus und atmete durch. Offensichtlich hatte der Vierbeiner Reißaus genommen. 
 Das war bislang der Höhepunkt der Rattenplage in der Friedrich-Naumannstraße. Seit anderthalb Jahren ist der Befalls-Druck dieser schlauen Nagetiere enorm hoch. So berichtet das Marco Trisolini. Der 50-Jährige wohnt seit 45 Jahren in dem Hochhaus im zweiten Stock und muss es also wissen. »So schlimm wie momentan war es noch nie.» 
Das Thema erregt die Gemüter. Von Ratten geht eine eklige Faszination aus. Wo Menschen leben, tauchen sie auf, schon seit jeher gehören sie dazu. Machen wir uns nichts vor: Das ist nicht nur ein Problem im Hohbuch. Sie sind allgegenwärtig, sozusagen die nimmersatten Zeugen unserer Überflussgesellschaft. Wer Essensreste leichtfertig wegwirft, muss sich nicht über diese schlauen Überlebenskünstler wundern. Sie laben sich an Abfällen und vermehren sich stark, je mehr davon auf der Straße liegt oder in die Kanalisation gespült wird. Es gibt keine Stadt oder Region, in der die Viecher nicht vorkommen. Im Gegenteil: Auf jeden Einwohner in Deutschland sollen drei bis vier Ratten kommen. Sie leben vor allem unter der Oberfläche. Dort muss es Massen von Populationen geben. Die Städte versuchen vieles, um der Plage Herr zu werden. Jüngst erst wurden am Albtorplatz in Reutlingen Köder ausgelegt. Davor hat die Verwaltung ihre neue Köderboxen vorgestellt, die in etwa 3 600 Schächte von insgesamt 18 000 zwei Mal im Jahr eingebracht werden sollen. So etwas wünschen sich auch die Bewohner in der Friedrich-Naumann-Straße. Sie sind nicht untätig, motzen nicht über die Verwaltung oder starren nur verärgert auf das Geschehen in ihrer Mülleinhausung. Dort nämlich tummeln sich die Schädlinge und fühlen sich offensichtlich wie im Paradies. Der Platz für die großen Mülltonnen ist durch Eisenbahnschwellen umrandet. 40 Jahre lang gibt es diesen Ort schon, berichtet Trisolini, der vor Kurzem einen Leserbrief zu dem Thema geschrieben hat. Weil die Anwohner unzufrieden damit sind, wie  mit dem Thema vonseiten der Behörden umgegangen wird. Nämlich gar nicht. 
Im Juni 2018 gab es eine Begehung mit verschiedenen Beteiligten:  GWG Reutlingen, Verwaltungsbeiräten der Eigentümergemeinschaften, Hausmeister, einer externen Firma zur Rattenbekämmpfung und einem Mitarbeiter der Stadt Reutlingen. «Es waren sehr konstruktive Gespräche», so Trisolini. «Wir haben uns alle gefreut, dass jetzt endlich etwas passiert.» Doch sie warteten vergeblich. Auch Nachfragen brachten sie nicht weiter. Nun haben sie gehandelt und die Stadt  reagiert. 
        Es gibt hier draußen in der Friedrich-Naumann-Straße kaum ein anderes Thema als diese ekligen Vierbeiner.  Der Besuch im Wohnzimmer war nur die Spitze des Eisberges. 
Als wir uns ein Bild der Lage vor Ort machen, brauchen wir nicht lange zu warten, bis das erste Tier sich blicken lässt.  Anfangs verstecken sie sich noch unter den Tonnen, dann aber spazieren sie  ungeniert an den gelben Säcken entlang oder tummeln sich im Container. »Die haben unten  ein Loch. Wir wollten, dass sie ausgetauscht werden«, erzählt Trisolini. Das wurde dann von den Technischen Betriebsdiensten auch gemacht, allerdings hatten die Neuen wieder ein Loch. 
Immer wieder huschen beim Gespräch die Ratten über den Boden.  Anwohner bringen derweil ihren Müll. Das sieht dann so aus: Ein Frau hat ihren Plastiksack in der Hand, läuft schnellen Schrittes zum Container, öffnet ihn in Windeseile, schaut gar nicht richtig hinein und wirft sofort ihr Mitbringsel ins schwarze Loch. Sie dreht sich hurtig um und eilt schnellen Schrittes fort.  Dieses Verhalten beobachten wir mehrmals. Trisolini erzählt, es komme auch vor, dass einen die Viecher aus der »Tonne heraus anlächeln«. 
Andere wiederum sehen den Reporter und erzählen ihre Geschichte. Jeder hat so seine eigene Erfahrungen gemacht mit den Ratten. Auch die Bewohnerin, die Besuch von einer Ratte  im Wohnzimmer hatte, steht plötzlich vor dem Reporter.  Sie ist 90 Jahre alt und wohnt mit ihrem Sohn in der Wohnung. Sie will ihren Namen nicht in der Zeitung lesen und  hat die Ratte auch nicht gesehen, ihr Sohn habe es ihr am nächsten Morgen erzählt . »Du musst jetzt ganz stark sein», habe er gesagt. Wie ist es ihnen dann ergangen? «Na ich hab Angst gehabt.»  Und sich ans Werk gemacht. «Wir haben das Zimmer und den Balkon mit Sakrotan gereinigt. Bis in jede Ecke.» Andere erzählen, dass gelbe Säcke auf dem Balkon angeknabbert waren. Ein Anwohner beobachtet regelmäßig wie Ratten den Weg von der Kanalisation  zum nahegelegenen Kindergarten Kleiner David gehen. Hier  wurden  schon Giftköder ausgelegt.  Der Druck ist weiterhin groß und führt zu Unzufriedenheit. Deshalb hat Marco Trisolini den Leserbrief geschrieben. «Niemand hat verstanden,  warum nichts passiert ist damals nach den konstruktiven Gesprächen».  Es gingen Wochen ins Land, die Ratten vermehrten sich vergnügt weiter, doch nichts geschah. «
»Also haben wir nachgefragt und zur Antwort bekommen, die Stadt sei hier nicht zuständig. Das haben wir nicht verstanden«, erzählt Trisolini, der mit den anderen dafür plädiert hat, in der Kanalisation Köder auszulegen. Dass dies nicht geschehen sei,  bestätigt Albert Keppler von der Stadtverwaltung. 
Der  Leiter des Amtes für öffentliche Ordnung erläutert, dass die Stadt selbst in diesem Bereich keine oberirdischen Grundstücke hat, die man bekämpfen könnte. Das sei Sache der Eigentümer. Die Stadt ist aber  für die Kanalisation  zuständig. Gleichwohl verspricht der Amtsleiter, dass nun gehandelt wird und in Kürze Köderkästen in der in der Friedrich-Naumann-Straße eingebracht werden. «Dann werden wir den Tieren jetzt zu Leibe rücken und das mit der GWG gemeinsam angehen – die Verwalter oberirdisch, wir unten».  Warum das nach den Gesprächen damals nicht gemacht worden sei,  «können wir heute nicht mehr ergründen», so Keppler. Aber es müsse  etwas getan werden. «Das beweist mal wieder, dass man durch Weggucken kein Problem löst», so der Amtsleiter.  
Die GWG antwortet auf unsere Nachfrage per E-Mail.  »Stand jetzt sind zur Information Aushänge aufgehängt und Anschreiben versendet worden. Darüber hinaus ist bereits ein Mülltonnentausch vorgenommen worden und Schädlingsbekämpfer wurden beauftragt.« Die Anwohner bestätigen diese Angaben und haben gehandelt.  
Die Eigentümerversammlung hat sich in ihren turnusgemäßen Sitzung nun darauf geeinigt, die Mülleinhausung von Grund auf zu sanieren. Statt Eisenbahnschwellen als Trennwand sollen Granitstelen für besseren Schutz sorgen, es wird ein neues Fundament mit neuem Boden errichtet und ein Dach kommt obenauf. Um dann die ersehnte  Ruhe zu haben.