Im Moment wird oftmals der Verlust der eigentlich bei uns doch so hochgehaltenen Werte beklagt. Solidarität, Mitgefühl, Toleranz, Mitmenschlichkeit. In den eigenen vier Wänden gelten die Werte vielleicht noch. Aber vor der Haustür? Da ist kein Platz mehr dafür. So verhalten sich momentan US-Präsident Trump, Türkeis Erdogan, Ungarns Orban und noch einige andere Länder. Und mittendrin: Deutschland. Auch bei uns sind die Töne in den vergangenen Monaten schärfer, rauer, unmenschlicher geworden. Wenn sich CSU-Politiker Worte wie »Asyltourismus« ausdenken – wenn damit Bilder an eine Kreuzfahrt übers Mittelmeer suggeriert werden – dann ist das nicht nur zynisch, sondern auch menschenverachtend. Es verkehrt die Not der Flüchtenden, ihre lebensgefährliche Überquerung des Meeres ins Gegenteil. In eine fröhliche All-Inclusive-Reise, die nach der Ansicht auch vieler Deutschen genau bei uns in der Nachbarschaft endet. Und das, »wo die doch alles bezahlt kriegen«. Solche Meinungen sind heute immer mehr zu hören. Was für ein unglaublicher Blödsinn.

Die Abschottung in einer globalisierten Welt ist bei al-ledem keine Tendenz auf Staatenebene. Auch im ganz Kleinen, bei uns, im Kreis Reutlingen sind ähnliche Haltungen präsent. Wenn nämlich, egal wo, ein Wohngebäude gebaut werden soll, in dem auch Sozialwohnungen ihren Platz finden, dann gründet sich dort sofort eine Bürgerinitiative gegen das Projekt. Das war in Wannweil so, ähnlich ist das in Sondelfingen: »Das Schreckgespenst Sozialwohnungen« wird dort ebenso durch die Straßen gejagt, weil am Rande des Wohngebiets Efeu ebenfalls bezahlbare Wohnungen entstehen sollen. Auch dort Aufruhr unter den Nachbarn. »Vielleicht sollte man sich mal daran erinnern, dass das Efeu einstmals selbst als großes Sozi-alwohnungsgebiet entstanden ist«, hieß es ganz richtig vor kurzem bei einer Sitzung des Bezirksgemeinderats. 

Die Vorbehalte in Gönningen sind die gleichen: Dort soll am Ortsrand beim Friedhof ebenfalls Wohnraum entstehen. »Das werden doch alles Sozialwohnungen«, mutmaßte ein Anwohner. Was stellen sich die künftigen Nachbarn darunter eigentlich vor? Arbeitslose, Obdachlose, womöglich sogar Flüchtlinge, hatte ein Pfullinger Leserbriefschreiber es im Reutlinger General-Anzeiger formuliert. Und er hatte gefordert, dass diese neuen Wohnungen bloß nicht den Namen seines »bis dato ruhigen und wenig belasteten« Gebiets namens »Entensee« tragen dürften. Er befürchtet Wertminderung des eigenen Häusles. Und dass »das ‚Gschmäckle’ eines Randgebiets« auf ihn selbst fallen könne. Ist das noch zynisch? Oder einfach nur menschenverachtend? Welche Vorstellungen haben die Nachbarn eigentlich von den künftigen Bewohnern von Sozialwohnungen? Saufende, verwahrloste, grölende, unzurechnungsfähige Menschen, am Abgrund des Lebens? Die nichts anderes im Sinn haben, als ihre neuen Nachbarn in Angst und Schrecken zu versetzen? Dabei muss man sich doch mal vor Augen führen, dass jeder selbst auch völlig unschuldig in die Lage eines Arbeitslosen, Armen, ja Obdachlosen kommen könnte: Der Hauptverdiener in einer Familie stirbt unvermutet. Frau oder Mann können die Miete für das Haus nicht mehr bezahlen. Dringend sucht die Familie nach einer kleineren, bezahlbaren Wohnung. Oder auch die heute alten Witwen, die sich ihr Leben lang um ihre Kinder gekümmert, womöglich Eltern gepflegt haben, die bei stetig steigenden Mieten und Nebenkosten sich ihre kleine Wohnung nicht mehr leisten können. Und die Geflüchteten? Brauchen die keine Wohnung? Sollen sie auf der Straße leben?

»Mir doch egal, Hauptsache nicht bei mir in der Nach-barschaft.« Diese Haltung offenbaren all die Menschen, die sich gegen Sozialwohnungen in ihrer Nachbarschaft wehren. Was ist das für eine Gesellschaft? In der Solidarität mit den Schwächeren völlig flöten geht? Wo ist das Mitgefühl? Die Mitmenschlich-keit? Alles verschwunden? Was haben wir nur für ein Menschenbild, wenn uns die Notleidenden so offensichtlich egal sind? Juli Zeh, die erfolgreiche Schrift-stellerin, nennt diese Haltung »Turbo-Ich«. Und sie be-zeichnet diesen »grenzenlosen Egoismus« – der all die Werte für die Deutschland eigentlich steht, nun mit Füßen tritt – als »schleichendes Gift für die Demokratie«. Weil damit dem Rechtspopulismus Tür und Tor geöffnet wird. Leider hat sie damit nur allzu Recht.