Selten hat es Menschen mit solcher Freude in eine dunkle Röhre gezogen, wie am Sonntag in den Scheibengipfeltunnel. Dies lag natürlich an der letzten Gelegenheit das Mammutbauwerk zu besichtigen, das letztlich 135 Millionen Euro verschlungen haben wird, wenn es am 27. Oktober dem Verkehr übergeben wird, aber auch an den brütend heißen Temperaturen vor denen das Tunnelinnere Abkühlung versprach. Rund 20 000 Menschen aus Reutlingen und den umliegenden Städten und Gemeinden nutzten den Sonntag parkten die Autos vor dem Nord- oder Südportal oder kamen per Pedes oder per Rad und pilgerten durch die Röhre. Technisch gesehen ist der Bau ein Faszinosum, fast zwei Kilometer lang, mit allem ausgerüstet, was in Sachen Tunnelsicherheit heute gefordert ist.

Der Weg bis zur Fertigstellung war - wie es in Deutschland mittlerweile bei Großprojekten üblich ist - ein langer. In den 60er Jahren gab es erste Überlegungen eine Umfahrung Reutlingens zu bauen. Im Jahr 2000 gab es den einen fertigen Plan für den Tunnelbau, neun Jahre später erfolgte der Spatenstich und weitere acht Jahre danach nun die Eröffnung. Ministerialdirigent Gerd Klaiber, der in Vertretung von Verkehrsminister Winfried Hermann gekommen war, brachte es auf den Punkt: »Anders als früher, ist heutzutage das Geld für solche Projekte da, aber die Planungen dauern immer länger. Davon können auch die Mitglieder der beiden Lichtensteiner Bürgerinitiativen Albaufstieg ein Lied singen, die am Sonntag vor dem Südportal ihre Transparente hoch hielten: »Jetzt muss der Albaufstieg kommen«.

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Sie befürchten nach Öffnung des Scheibengipfeltunnels noch längere Staus durch die Lichtensteiner Ortsteile Honau, Oberhausen und Unterhausen: Schon heute quält sich m zwischen 6.30 und 9 Uhr der Verkehr im Schritttempo durch die lange Ortsdurchfahrt, abends ab 16 Uhr staut sich der Verkehr bis zurück zum Pfullinger Ursulabergtunnel und oft genug noch durch den gesamten Tunnel hindurch. Zumindest ein Teilerfolg ist zu verzeichnen: Im März 2016 wurden der Albaufstieg und die Umfahrung Engstingens als »vordringlicher Bedarf« in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen.

Legt man jedoch die Zeitachse für den Scheibengipfeltunnel an, sehen die Lichtensteiner vor Mitte des Jahrhunderts kein Licht am Ende des Albstaufstiegtunnels. Und dies vor einer sich verschärfenden Diskussion um das Verbannen von Autos aus den Innenstädten. Luftreinhaltung ist das Thema schlechthin, das diskutiert wird: Dieselautos werden als Teufelswerk gebrandmarkt, das Urteil, das die Deutsche Umwelthilfe vorige Woche für bessere Luftreinhaltung in Stuttgart erwirkt hat, dürfte ein Signal sein und die Debatte um den Diesel-Motor weiter anheizen. Was hat das alles mit dem Scheibengipfeltunnel zu tun, fragt man sich? Die Befürworter haben immer argumentiert, dass bislang 60 000 Fahrzeuge durch Reutlingen fahren. Wie viel tatsächlich aber die Umgehung nutzen werden, ist umstritten.

Eine Entlastung von 20 000 Autos und Lastwagen täglich erwartet Bauleiter Norbert Heinzelmann. Ob die Zahlen belastbar sind, wird sich erst noch zeigen, wie auch ob diese Entlastung zu einer deutlichen Reduzierung der Stickstoffdioxidbelastung in der Innenstadt führt.


Gegen das »Diesel-Bashing« wehrte sich Norbert Barthle, Staatssekretär im Bundesverkehrsminister, von Regierungspräsident Klaus Tappeser als der »Herr der Tunnel« angekündigt. Der Selbstzünder werde noch länger gebraucht, gleichzeitig gehe es darum auf Fahrzeuge mit alternativen Antrieben zu setzen. Nur in der Kombination sei eine Reduzierung des Stickstoffdioxids zu erreichen.
Ins gleiche Horn stieß Bürgermeisterin Ulrike Hotz. Für eine gedeihliche Stadtentwicklung sei neben dem Scheibengipfeltunnel auch die Weiterentwicklung des Radverkehrs, der Ausbau der Elektromobilität, ein neues Stadtbuskonzept aber vor allem die Regional-Stadtbahn notwendig. Die 20 000 Besucher ließen sich von den zahlreichen Fensterreden nicht wirklich aufhalten. Sie informierten sich an den zahlreichen Infoständen, besichtigten das Betriebsgebäude und genossen den Tag in und vor der Röhre, bei Gegrilltem und kühlen Getränken.