Die Entscheidung naht, das pfeifen die Spatzen von den Dächern. Und die Kontrahenten scharren deshalb lautstark und heftig mit den Hufen. Soll Reutlingen, wie längst alle Großstädte im Land, auch endlich Stadtkreis werden? Das will Oberbürgermeisterin Barbara Bosch und das will eine Dreiviertel-Mehrheit des Gemeinderats. Landrat Thomas Reumann kämpft dagegen, er warnt vor »unwirtschaftlichen Doppelstrukturen«. Das organisatorische Gefüge solle so belassen werden, denn es habe sich in mittlerweile 44 Jahren nachweislich bewährt. Der Landkreischef schaltete hierzu sogar eine Anzeige in der regionalen Presse.

Wenige Tage später beschied ihm die Reutlinger Rathausspitze, ebenfalls in einer Zeitungsanzeige, dass es bei der Frage einer Stadtkreisgründung doch »nicht um Leben oder Tod« gehe. Oder doch? Mit einem wuchtigen und polemischen Appell endet die Annonce der Stadt Reutlingen: »Lassen Sie sich nicht durch Stimmungsmache in die Irre führen«. Donnerwetter! Das sind Töne. Doch ganz gleich, wie es ausgehen wird: Freunde werden Bosch und Reumann nicht mehr. Die Entscheidung trifft am Ende der Landtag.
Haut rein, es geht um die Wurst, mag man denken, wenn die kleine Großstadt in ihrem kämpferischen Pamphlet poltert: »Seriöse Informationen statt alternativer Fakten finden Sie auf www.reutlingen.de/Stadtkreis«. Mein lieber Scholli, das klingt gewaltig nach Schützengräben und Scharmützel.


Der Begriff »alternative Fakten« wurde erst unlängst zum »Unwort des Jahres 2017« gewählt; und es kam übrigens erst nach Donald Trumps Wahlsieg in den USA auf. Mit dem Verweis auf »alternative Fakten« soll die eigene Lüge kaschiert – oder zu einer Art Quasi-Wahrheit umgemünzt werden. Trumps Propaganda-Truppe hatte am Tag dessen Amtseinführung behauptet, dass die recht überschaubare Menschenmenge größer gewesen sei, als bei der des Vorgängers Barack Obama. Das war falsch, was vergleichende Luftbilder verdeutlichten. »Ja, aber das sind unsere alternativen Fakten« nannte das die glücklose und kurz danach abgesägte Sprecherin des blondierten Pudels. Zurück zum Nabel der Reutlinger Welt, dem Marktplatz, und einer Rathauschefin, die einem Landkreischef das Verbreiten von Unwahrheiten vorwirft.

Doch was juckt das die Menschen »draußen im Lande« – wie Politiker so gerne sagen. Wetten, dass es weder dem Landrat noch der OB gelingen würde, auch nur 300 Leute zu versammeln, um für oder gegen die angeblich so existenzielle Frage der Auskreisung zu demonstrieren. Einem solchen Auflauf steht sowieso entgegen, dass es den Menschen in der Region, sieht man von Insidern der Kommunalpolitik ab, herzlich egal ist, über was da gestritten wird. Ziemlich leidenschaftslos in Sachen einer möglichen Auskreisung sind Beobachter schon deshalb, weil beide Seiten, bewaffnet mit teuren Gutachten – bezahlt von den Steuerzahlern – behaupten, dass im Falle einer Neuordnung alles besser werde; oder geradezu bedrohlich schlechter, je nachdem.

Beide eint die Propaganda der Verheißung: Für die Menschen sei es wichtig, dass der Service für sie unbürokratisch, schnell und zuverlässig sei, »Dienstleistungen aus einer Hand« werden versprochen. Gehe es doch um gute Aufgabenerledigung, nicht um »Zuständigkeitsgerangel«. Doch wer hat das mit dem »unbürokratisch« gesagt - und wer sprach von der »guten Aufgabenerledigung«? Diese Textbausteine sind eigentlich austauschbar. Die Versprechung mit der »guten Aufgabenerledigung« stammt übrigens aus dem Hause Reumann. Und der kämpft in der Tat, als ginge es um Leben oder Tod.


Das aktuelle Säbelrasseln jedenfalls deutet darauf hin, dass das Innenministerium tatsächlich bald so weit ist, das Reutlinger Auskreisungsverlangen von 2015 nun dem Landtag vorgelegt wird. Und sollte es zur Auskreisung kommen, könnten lokalpatriotische Autofahrer immerhin auf neue Kennnzeichen hoffen: MEZ für die im Kreis dann einwohnerstärkste Stadt Metzingen wäre noch frei, auch PFU für Pfullingen.