Jetzt also auf in die zweite Runde: Am kommenden Sonntag wird erneut gewählt, dann entscheidet sich’s, wer ins Reutlinger Rathaus als neuer Chef einzieht. Vier Kandidaten sind’s noch. Ein einziger weiterer wollte zudem noch mitmischen – nein, nicht Dr. Karsten Amann. Der hatte zwar rund 600 Stimmen im ersten Wahlgang errungen, obwohl er gar nicht kandidiert hatte. Amann dementierte aber schnell eine Kandidatur im zweiten Anlauf. Stattdessen klopfte Andreas Wallenwein nochmals an die Rathaustür – allerdings erneut vergebens. Er hatte nämlich gerade mal fünf (5) Unterstützer-Unterschriften zusammengebracht, anstatt der geforderten 150. Seine Erklärung dazu: »Die befragten Reutlinger Bürger waren wahlmüde – nicht zu motivieren - im Berufsstress – im Faschingsstress – oder meinten, die Wahl wäre ja schon vorbei«, schrieb Wallenwein an uns. Tja. Faschingsstress. Vielleicht war das auch die Erklärung für die gerade mal 39,5 Prozent Wahlbeteiligung im ersten Durchgang. Oder doch wahlmüde? Wer weiß.

Am kommenden Sonntag gibt es auf jeden Fall keine Entschuldigung, da müssen die fast 90 000 Wahlberechtigten einfach an die Urne. Oder doch nicht? Wie in der Lokalpresse nachzulesen war, lag die Beteiligung an OB-Wahlen in anderen Städten im Land mit mehr als 50 000 Einwohnern in den vergangenen drei Jahren bei gerade mal 37,5 Prozent. Diese Marke hatte Reutlingen doch vor zweieinhalb Wochen locker überwunden. Aber trotzdem: Wenn nicht einmal die Hälfte aller Wähler ihr Kreuzchen machen, was ist das denn für ein Zeichen? »Mir doch egal, wer da im Chefsessel im Rathaus sitzt«?

Ex-Landesminister Hermann Schaufler hatte die Schuldigen für die geringe Wahlbeteiligung auf jeden Fall schnell ausgemacht: Die Medien waren’s. Die hätten doch im Vorfeld ständig berichtet, dass es eh einen zweiten Wahlgang geben werde und die Kandidaten sich eh zu ähnlich wären. Klar. Einseitige Berichterstattung. Lügenpresse. Und die Leser glauben natürlich sowieso alles, was in der Zeitung steht. Weil sie ja kein eigenes Hirn zum Nachdenken haben. Jajaja. Oder doch eher: Nö. Jetzt geht’s nämlich in die zweite Runde. Und die mehr als 88 000 Wahlberechtigten können nun zeigen, ob sie Dr. Carl-Gustav Kalbfell, dem Spätstarter, ihre Stimme geben wollen. Der hatte gleich nach dem ersten Wahltag am 3. Februar eine Mitteilung an die Medien verschickt. Darin bewertete er seine 19,9 Prozent erzielter Stimmen als »achtbares Zwischenergebnis«. Er bedankte sich persönlich bei »jedem und jeder einzelnen meiner bisher 6.873 hochgeschätzten Wählerinnen und Wähler von ganzem Herzen …«. Ähem. Ja. Gern geschehen.

Aber ich war’s nicht. Kalbfell mutmaßte in seiner Mitteilung weiter, dass Thomas Keck und Dr. Christian Schneider »ihre Wählerpotenziale möglicherweise bereits ausgereizthaben«. Dr. Kalbfell spüre hingegen »kontinuierlich wachsende Zustimmung«. Doch das mit dem Gespür und dem Gefühlten kann ja bekanntlich sehr trügerisch sein. Wir werden sehen. Schade wäre es aber eigentlich schon, wenn Kalbfell seine drei Bienenvölker nicht auf dem Reutlinger Rathausdach platzieren würde. Oder vielleicht doch besser so, weil: Wo sollten die denn Pollen suchen? In den Grünflächen im Bürgerpark bei der Stadthalle? Hahaha. Doch wer wird’s denn nun am kommenden Sonntag? Andreas Zimmermann wohl nicht. Der hatte am ersten Wahltag gerade mal 2,7 Prozent erzielt, kandidiert aber erneut.

Kann Thomas Keck seinen 41-Stimmen-Vorsprung ausbauen? Oder überholt Dr. Christian Schneider doch »von rechts«, wie er bei der Wahlparty am 3. Februar verkündete? Oder eben Kalbfell, der mit fast 10 Prozent Abstand zu den beiden anderen Kandidaten den dritten Platz belegte. Wandern (Keck), Feuerwehr (Schneider) oder Bienen (Kalbfell)? Die jeweilige Verwaltungs-Erfahrung der Kandidaten wurde am vergangenen Mittwoch im GEA in Leserbriefen im Übrigen eindeutig verortet: Ganz unten auf Seite 18 stand links im Eck in einem Beitrag, dass allein Schneider die geforderte Rathaus-Kompetenz mitbringe. Rechts unten im Eck war hingegen zu lesen, dass Schneider genau diese Befugnis fehle – Keck sie aber sehr wohl vorweise. 

Und zwischen diesen beiden Leserbriefen? Da meinte jemand, dass einzig Kalbfell die erforderliche Kompetenz besitze und zudem noch die »Belange der Jugend« im Blick habe. Soso. Langweilig war diese Wahl auf jeden Fall noch nie. Und die Spannung steigt bis zum Sonntagabend. Bis ins schier Unermessliche.