Er staunt. Und lächelt. An einem grauen Septembertag im Jahr 2007 steigt ein Modellathlet mit 1,88 Meter Körpergröße aus dem Auto auf dem Parkplatz des Schönbuchstadions in Pliezhausen. Mit diesem leuchtenden  Lächeln vor grauem Himmel  und unter brausendem Applaus von 120 Kindern, die Spalier stehen, beginnt einer der vielen  großen  Momente in 50 Jahren  Leichtathletik in Pliezhausen. Mike Powell läuft durch die Kinderschar, gibt kurz ein Interview und danach Anweisungen. Der Weitsprung-Weltstar, der bis heute den Fabelweltrekord von 8,95 Meter hält, trainiert die Kinder in der 9 000 Seelen-Gemeinde. Ohne Allüren. Vollkommen unkompliziert. 
Dieses Jahr feiern sie also  ihr Jubiläum. Es gab viele solcher Momente, ungewöhnlich viele für einen Provinzverein, der sich einer Randsportart verschrieben hat. Im Grunde geht es um laufen, rennen, springen, mehr nicht. Doch mit welcher Wirkung.  Zehnkämpfer Guido Kratschmer sorgte für unvergessliche Augenblicke, Colin Jackson, noch ein US-amerikanischer Weltstar ebenso. Sie holten 15 deutsche Meisterschaften, 4 Vize-Meister, und über 200 Veranstaltungen gingen über die Bühne im Schönbuchstadion, viele davon mit bundesweiter Beachtung.  
Was für eine Geschichte. Sie begann am  20. Januar 1970, im Nebenzimmer des Gemeindezentrums. Dort fand die Gründungsversammlung statt. Der Kreis schließt sich heuer  am 9. und 10. Mai. Dann  steigen die diesjährigen  Höhepunkte: die Deutsche Meisterschaft über  10 000 Meter (übrigens schon zum zweiten Mal) sowie das Erfolgsmodell der Krummen Strecken. Dass kein falscher Eindruck entsteht: Sie rennen schon auf der Bahn im Kreis herum, halt nicht in den üblichen Längen. Das unterscheidet die Pliezhäuser, damit haben sie Neues geschaffen.  Dieser Wettkampf ist Erfolgsmodell und Symbol zugleich: Kein anderer Verein vor den Pliezhäusern bot solch etwas über Strecken an, die eigentlich nur im Training gelaufen werden. Thomas Jeggle hatte die Idee dazu. Noch so ein Typ, der sich nahtlos in die Geschichte der Menschen einreiht, die brennen, ohne Schaden anzurichten. Im Gegenteil: Sie entzünden Begeisterung.  Und als Symbol: weil der Weg von der LG Pfrondorf/Pliezhausen bis zum LV Pliezhausen alles andere als geradlinig verlief. 
290 Mitglieder hat der kleine rührige Verein heuer, damals waren es 44. Es ist im Grunde ein Sportverein, aber es geht vor allem auch um seine gesamtgesellschaftliche Wirkung. Es geht  um viel mehr. Um grundlegende Werte, um Ideen und deren Umsetzung, um Hingabe, Tatkraft, Engagement für die Gemeinschaft, für sich selbst.    Fünf Jahrzehnte sehr bewegte Geschichte mit unterschiedlichen Vereinsnamen, die wechselten, weil – ganz menschlich – Ansprüche  und Ansichten sich ändern, aus Eitelkeit, Bosheit, Arroganz Gräben wachsen, die unüberwindbar werden.      


Es gab Höhen und Tiefen, Spaltungen und Vereinigungen, aber vor allem großartige Momente mit außergewöhnlichen Menschen von außergewöhnlichen Menschen. 
Wir haben uns entschieden, diese Geschichte auf den Titel zu heben, weil es ein paar Menschen geschafft haben, mit ihrem Schaffen das verschlafene Örtchen Pliezhausen für immer ins kollektive Leichtathletikgedächtnis zu schreiben.
Es gibt viele Vereine, die fünfzig Jahre oder mehr existieren, in denen zweifellos viele Menschen ehrenamtlich ihr Herzblut ausschütten und das gesellschaftliche Leben bereichern. 
Doch der LV Pliezhausen schafft es mit einer Randsportart im Fußballzeitalter eine ganze Region zu prägen. Wer an Leichtathletik denkt, denkt an Pliezhausen. Und umgekehrt. Was also steckt hinter dieser Erfolgsgeschichte? Die Antwort ist einfach. Menschen.  Mit Visionen, mit einem unfassbar großen Drang zu gestalten, mit Ausstrahlung, mit Willen, mit Energie. 

Es kam einiges zusammen. 
Die Personen: Konsequent engagierte Typen allen voran Werner Hamann, der Spiritus Rector wie ihn Ewald Walker (ehemaliger Vereinschef und von Anfang an dabei) nannte, der voranging. Ideen hatte. Und in die Tat umsetzte.  
Die Stimmung: Ende der 1960er herrschte immer noch Wut über das schlechte Abschneiden bei Olympia 1968, als die DDR viel besser war. Es gab Talente in der Gemeinde, die ihre Chance nutzten. 
Die Verwaltung: Und last but not least ein Bürgermeister, der nicht nur eine Vision hatte. Otwin Brucker sorgte für optimale Rahmenbedingungen.  Diese Gemengelage war der Ausgangspunkt. Sie bildete das Fundament für ein Haus, das wetterfest den Stürmen der Zukunft standhielt. 

Die große Kunst aber ist, die anfängliche Euphorie über Generationen am Leben zu halten. Das ist  gelungen, weil immer wieder Menschen gewonnen werden konnten, die den Gründergeist weiterlebten und weiterentwickelten. Sichtbar jedes Jahr im Mai.  »Die Pliezhäuser Leichtathletik hat eine ganz besondere Tradition, die ein außergewöhnliches Läufermeeting hervorgebracht hat«, lobte jüngst DLV-Präsident Jürgen Kessing. »Das alles ist nur möglich mit vielen ehrenamtlichen Helfern.« 
Die Schlüsselfigur dabei heißt Werner Hamann. »Das war ein Macher. Ein Mensch der andere begeistern konnte«, schwärmt Ewald Walker. Er und Gerda Armbruster haben uns in der Redaktion besucht, wir plaudern, lachen und sprechen zwei Stunden lang über diesen Verein, diese Geschichte. Walker und Armbruster waren von Anfang an dabei, Walker von 1977 bis 1988 Vorsitzender des Vereins und direkter Nachfolger von Werner Hamann. Gerda Armbruster von 1999 bis 2003. Hamann, Kurt Deile (das war auch ein Macher, so Armbruster) sowie Roland Braun waren bei der Gründung die Hauptfiguren. Hamann schuf Fakten, holte gleich die Württembergische Meisterschaft nach Pliezhausen. Zwei Jahre später weihte die Gemeinde eine Kunststoffbahn ein – nach Stuttgart, Heidenheim und Sindelfingen die Vierte im Land. Welch eine Geschichte. 
Im selben Jahr purzelten die ersten Erfolge. Die beiden Pliezhäuserinnen Heidelinde und Christa Xalter holten in Bielefeld die Deutsche Jugendmeisterschaft im Hürdenlauf und Weitsprung. In den Folgejahren gewinnen sie sechs DM-Titel. Die Gemeinde feiert ihre Sportler – wohl gemerkt Leichtathletinnen! – euphorisch auf dem Marktplatz. Der ist proppenvoll. Die Stimmung großartig. Bis dato undenkbar. 
Zur Erinnerung: Der Verein ist noch keine zehn Jahre alt. Aber jetzt noch mehr motiviert. Kurz darauf setzt Eigengewächs Herbert Mutschler die Erfolgsgeschichte fort: er wird in Polen Jugend-Europameister und Deutscher Meister mit der 4 x100 Meter Staffel. Mit 10,3 Sekunden über 100 Meter ist er bis heute noch der schnellste Sprinter in der Region. 

Diese Erfolge bilden das Fundament für den Vereinserfolg, der wiederum motiviert weiterzumachen. Jugendliche klopfen an die Tür und wollen laufen. Auch Filmon Ghirmai kommt. Insgesamt sechs Mal gewinnt er als Pliezhäuser Athlet die Deutsche Meisterschaft. Als feinen Kerl bezeichnet ihn Walker. 
Stars gehen ein und aus. Zehnkampf-Legende Guido Kratschmer, Weltklasse-Athleten wie Olympiasieger Dieter Baumann und Nils Schumann (800 m), Marathon- Weltrekordler Patrick Makau (Kenia), 800 m Europameister Marcin Lewandowsky, 400 m Europameister Ingo Schulz und und und…  zog  es auf die Krummen Strecken. 
Als Hamann abdankte, setzt Ewald Walker die Vereinsphilosophie in dessen Sinne fort: der Leistungssport steht im Vordergrund. Sportliche Erfolge sind das Zugpferd für den Nachwuchs. Der kommt in Scharen. Aus dieser Masse heraus bilden engagierte Trainer neue starke Läufer aus. »Wir waren eine große Leichtathletik Familie«, schwärmt Gerda Armbruster. 


Doch es gab auch Tiefen, von den Anfängen bis jetzt wechselten die Vereinsnamen. Zu Beginn hieß man LG Pfrondorf/Pliezhausen, doch der Name war zu sperrig.  Er hat schlicht nicht auf die Anzeigetafel gepasst. Nach zwei Jahren umgenannt in LG Schönbuch. 1991 dann der Bruch: Nach einem erbitterten Richtungsstreit zwischen Leistungs- und Breitensport, mit persönlichen Attacken, erfolgte die Spaltung, der LAC Pliezhausen erblickt das Licht der Welt. Wiederum zwanzig Jahre später gehen der LAC und die LG Schönbuch im LV Pliezhausen auf. 
Die Idee, unabhängig vom Namen, lebt weiter. Die Philosophie »Leistungssport zieht Breitensport« schafft Erfolg und zieht die Menschen an. Jugendliche und Kinder und mit ihnen die Eltern. Das Schülerhallensportfest gehört ebenfalls zum Erfolgsmodell. Denn ein Verein lebt nicht nur von Spitzensportlern. Ohne Helfer funktioniert nichts. Dafür steht auch ein besonderer Moment. 
Blicken wir noch einmal ins Schönbuchstadion, als Mike Powell zu Gast war. Es hatte zu regnen begonnen, aber das störte niemand. Am Ende halten sich der US-Amerikaner, der Europameister im Weitsprung Dietmar Haaf, der deutsche Hallenmeister Peter Rapp und eine zwölfjährige Pliezhäuser Schülerin an den Händen. Gemeinsam laufen sie zum Weitsprung an, gemeinsam springen sie in die Sandgrube. Am Ende lächeln alle. Für Ewald Walker heute noch ein Gänsehautmoment und eine symbolische Handlung für ein Miteinander von Leistungs- und Breitensport.

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