Oha, da gehen sie aber hoch, die Emotionen. Und das bei einem Thema, das doch eigentlich Frohlocken bei allen Freundinnen und Freunden alternativer Verkehrskonzepte auslösen müsste. Aber: Egal, was man sich ausdenkt, was konzipiert wird und wofür es sogar richtig viel an Fördergeldern geben soll – immer und überall finden sich Bedenkenträger. Besserwisser. Gegner. So nun auch beim Vorschlag der Stadt, auf der alten Honauer Bahntrassse in Reutlingen zwischen Eninger Weg und Hauptbahnhof einen Radschnellweg zu installieren.

Stimmen dagegen wurden schon während der Gemeinderatssitzung im Februar laut. Und danach beschwerten sich einige Reutlinger per Leserbrief. »Diese Stadtautobahn für Radfahrer ist so unnötig wie ein Kropf«, schrieb jemand. Die Begründung: Schon die Radfahrstraße in der Charlottenstraße sei »ein Flop«. Und beim genauen Hinsehen offenbart sich tatsächlich: Morgens und abends ist die Charlottenstraße extrem belebt, aber nicht etwa mit Radfahrern. Nein, jede Menge Autos nutzen nach wie vor die Fahrbahn dort als Schleichweg durch die Oststadt. Radler, die sich zu diesen Zeiten auf die vermeintliche »Radfahrstraße« trauen, fühlen sich hingegen ihres Lebens nicht sicher. Warum? Weil es dort verdammt eng zugeht, wenn zwei Autos aneinander vorbei müssen – und dabei dann blöderweise auch noch ein Radler stört. Die einzige denkbare Lösung dieses Konflikts wäre vernünftigerweise: Die Charlottenstraße müsste – wie Garten-, Kaiser und Bismarckstraße auch – für Autos zur Einbahnstraße werden. 

Doch zurück zum Radschnellweg auf der alten Bahnlinie, denn was während der Gemeinderatssitzung als Minimalkonsens beschlossen wurde, war: Die Planungen sollen weiter vorangetrieben werden. Zu diesem Zweck wurden bis Ende Februar Bodenproben entnommen, um eventuellen Verunreinigungen im Gleisbett auf die Spur zu kommen. Ergebnisse dazu gibt’s noch keine, das wird wohl auch noch eine Weile dauern. Gleichzeitig wurden Gehölzarbeiten durchgeführt, um »eine spätere ‚Vergrämung’ von Reptilien zu ermöglichen«, wie es in einer Pressemitteilung der Stadt hieß. Diese »Vergrämung«, also Umsiedlung der Reptilien, wiederum stößt anderen Reutlingern ziemlich sauer auf: »Eine einzige Schande, wie arrogant hier mit der Natur umgegangen wird«, schrieb jemand. Mitglieder vom Verein »Reptilien-Amphibien-Neckar-Alb« fragten sich zudem, wohin die auf der einstigen Bahntrasse lebenden Zauneidechsen und Schlingnattern ausweichen sollten, wenn es doch gar keine Ausweichräume gebe.

Ach ja. Ärger, Kritik und Bedenken allerorten. Noch mehr davon? Das Vorhaben mit hochgerechneten Kosten von rund 4,64 Millionen Euro muss bis 2020 komplett umgesetzt sein. Ansonsten würden keine 2,5 Millionen an Fördergeldern in den vier Meter breiten Ausbau der 2,2 Kilometer langen Strecke fließen. Schon in der entscheidenden Gemeinderatssitzung, in der es doch eigentlich um die geplante Umwidmung der Honauer Bahntrasse in einen Radschnellweg ging, wurde zudem die Idee ersonnen, auf dieser Strecke doch lieber die Regionalstadtbahn fahren zu lassen. Das mag etwas verwundern, hatte sich der Gemeinderat doch schon vor einigen Monaten dafür ausgesprochen, die Stadtbahn in der Lederstraße – oder alternativ in der Gartenstraße – fahren zu lassen. Und jetzt doch wieder ein Schwenk in eine andere Richtung? Und dennoch: Einen gewissen Charme hätte die Idee dennoch, weil für die Bewohner der Oststadt die Lederstraße nun mal ziemlich weit weg ist. Warum also nicht zweispurig fahren? Regionalstadtbahn sowohl in der Lederstraße wie auch auf der alten Honauer Bahnlinie? Wäre natürlich eine Kostenfrage. Aber auf jeden Fall nicht uninteressant. 

Erstaunlich war wohl bei der entscheidenden Gemeinderatssitzung, wie stark die Fraktion der Bahnfreunde plötzlich wurde - und aus deren Reihen sogar die Idee verlautbarte, auf der alten Bahntrasse Güterverkehr fahren zu lassen. Haha. Was für ein spaßiger Gedanke. Der klingt ja fast so brillant, wie die Idee mit der Reutlinger Seilbahn. Ist die närrische Zeit nicht vorbei? Oder ist schon 1. April? Nein? Aber: Ja, warum eigentlich nicht? Eine Seilbahn auf der alten Bahntrasse. Und drunter rauschen die rasanten Radler hindurch. Wenn das kein kreativer Vorschlag ist.