Was? Schon wieder wählen? Da war doch gerade eben erst was. OB-Wahl, oder? Und jetzt schon wieder? Und dann gleich drei oder vielleicht sogar viermal an einem Tag? Gemeinderat und Kreistag. Und wohnen Sie in einer Reutlinger Teilgemeinde oder in einem anderen Ort, der zu mehreren zusammengefasst wurde, sollen Sie dann auch noch den neuen Ortschaftsrat küren. Und Europawahl ist ja auch noch am gleichen Tag, am 26. Mai. Pfffff. Und da soll einer noch den Überblick behalten.

Weil ich diesen Überblick noch gar nicht hatte, gehe ich los, um mich zu informieren. Ganz analog. Heißt, ich bewege mich durch Reutlingen und suche die Plakate, von denen so viel die Rede ist. In der Innenstadt, also in der Wilhelmstraße werde ich schon mal nicht fündig – offensichtlich gibt es dort ein Verbot für Wahlwerbung, obwohl dort doch so viele Laternenmasten so viele Plakate halten könnten. Ich gehe also weiter zur Lederstraße. Weil ich vermute, dass an der verkehrsreichsten Straße der Stadt doch viele Wahlbanner hängen werden. Ich finde nichts. Auf jeden Fall keine Anhäufung von Wahlwerbung. Neben der Stadthalle an der Konrad-Adenauer-Straße dann ein paar wenige Laternen, um die sich ein paar wenige Plakate winden. Aber hochinteressant, da konkurrieren drei verschiedene Parteien mit einer »Schlagerparty« und der »Reutlinger Schlemmernacht«. Die schriftlichen Inhalte der Parteien sind so klein geschrieben, dass sie im Vorbeifahren oder selbst beim direkt Davorstehen kaum zu entziffern sind. Und die SPD, die erst den neuen OB Thomas Keck auf den Fahnen respektive Plakaten hatte, wirbt nun mit Andreas Stoch. Aber der ist doch im Landtag, oder?

Auf dem Plakat darunter ergibt sich erst nach längerer Suche, dass es von den Grünen ist. Allerdings ist nicht erkennbar, was das Foto darstellen soll. Und der Text ist auch nicht leserlich. Sehr seltsam. Ganz deutlich erkennbar ist hingegen die prächtig rote Mähne von Jenny Winter-Stojanovic, sie sticht aus dieser Plakatansammlung deutlich heraus. Es ist also gar nicht so einfach, sich mit Plakaten über die anstehenden Wahlen zu informieren, denke ich. Aber vielleicht an einem anderen Standort? Ich ziehe weiter zur Eberhardstraße: Dort haben sich die Freien Wähler einen Laternenmasten für sich ganz allein erobert, drei Kandidaten übereinander drapiert. Einen Mast weiter schaut Regine Vohrer auf den Autoverkehr.     Drunter wirbt die WiR-Fraktion. »Für mehr Lebensqualität in Reutlingen«. Das kann ich gerade noch entziffern, das weitere nicht mehr. Noch einen Mast weiter wirbt »Die Linke« mit einem Plakat, auf dem steht: »Wahlkampfauftakt 18. April.« Ein klein wenig veraltet. Drunter lächelt Katharina Barley, völlig faltenfrei – will die jetzt auch in den Reutlinger Gemeinderat?

Halt, Europawahl, hatte ich schon wieder vergessen. Noch ein Banner drunter wirbt wieder die Partei der »Schlagerparty« für sich, ach nee das ist ja eine Veranstaltung. Oh Mann, ist das verwirrend. Am gleichen Laternenmast schaut mich noch Sarah Zickler und erneut Regine Vohrer an. Von der CDU war bisher noch gar nichts zu sehen, also ziehe ich weiter. An der Echazbrücke vor dem Kunstmuseum punkten die Christdemokraten dann mit gleich zwei Plakaten – auf denen allerdings so viele Leute zu sehen sind, dass besonders im Vorbeifahren gar niemand zu erkennen ist. Selbst, wenn man an der Ampel steht, auf Grün wartet (auf das Grün der Ampel natürlich) und den Blick schweifen lässt – keine Chance. Vielleicht kann man gerade noch die daneben hängenden Slogans der SPD erkennen. »Ein neuer Bahnhof« steht da weiß auf rot und »Museen, Theater, Konzerte und Kunst«. Daneben ein Plakat von Garden Life und wieder drei Köpfe der FWV.

Eigentlich hatte ich massenhafte Ansammlungen an Wahlplakaten erwartet. Bislang war das aber doch eher spärlich, denke ich. Vielleicht am Ortseingang? Ich ziehe dorthin – und tatsächlich: Großformatig schreien mich Plakatwände an, werben um meine Stimme, mit den unterschiedlichsten Inhalten oder Köpfen. Weiß ich nach dieser Kurztour durch einen Teil Reutlingens mehr als zuvor? Bin ich jetzt besser informiert? Weiß ich aufgrund der Plakatwerbung, wen ich wählen soll? Nö. Vielleicht sollte ich mich auf dem Marktplatz vor Ort informieren. Mit den Kandidaten das Gespräch suchen. Das wär doch was. Ein wenig Zeit ist ja noch.