Leserbriefe und Zeitung gehören zusammen wie Spätzle und Soß. Fehlt was, schmeckts fad. Jüngst flatterte ein solcher auf unseren Schreibtisch, er war -  um im Bild zu bleiben - gut gewürzt. Sein Thema Buskonzept. Nach unserem Titelthema zum Auftakt der neuen Nahverkehrszeitrechnung in Reutlingen bemängelte  Peter Hörz unter anderem die anfängliche Begeisterung des Autors. Wir sprachen wie Männer darüber, es war ein großartiges inhaltsschweres Gespräch, das der  ehemalige Stadtrat  anschließend in Worte fasste. Allerdings: Für einen Leserbrief war das zu lang. So haben wir uns jetzt zum Gespräch verabredet, das wir hier druckreif, druckfrisch den Lesern und Nutzern präsentieren. 

Hallo Herr Hörz, was stört Sie an der Tatsache, dass man nach erbrachter Leistung auch mal ein Glas Sekt trinken kann? Man kann doch nicht gleich alles totschreiben.
Peter Hörz: Nüchtern betrachtet sind Stadtverwaltung und RSV genau dazu da, ihre Arbeit bestmöglich zu tun, und beide finanzieren sich vollständig oder teilweise aus Steuermitteln. Genau genommen hat Reutlingen seit dem 9. September ein Nahverkehrsangebot, das vergleichbare Städte schon seit Jahren haben.


Es hat sich in Sachen ÖPNV nicht viel getan in den vergangenen Jahren. Da darf man ja auch mal euphorisch sein.
Hörz: Dann ist Ihre Euphorie der Überraschung geschuldet, dass sich auf dem Gebiet in Reutlingen überhaupt etwas bewegt hat. Alt-OB Barbara Bosch konzentrierte sich ja verkehrspolitisch auf den motorisierten Individualverkehr; die Stadtspitze begriff ÖPNV bis vor Kurzem als Nebenjob.

Nun aber soll all das anders werden, denn die Luftschadstoffe stehen der Stadt bis zum Hals und die Vokabel »Verkehrswende« ist in aller Munde. Welche Erfahrungen haben Sie bislang gemacht?
Hörz: Das neue Busnetz ist engmaschiger. Auf einigen Streckenabschnitten kommen die Busse werktags so häufig, dass sich der Blick in den Fahrplan erübrigt. Allerdings läuft betrieblich zu viel schief: Wenn sich Verspätungen ergeben, weil die Personalablösung auf sich warten lässt, wenn sich Fahrer auf neuen Linien zwei Wochen nach Betriebsaufnahme verfahren und – mangels Sprachkenntnis – nicht einmal mit dem Fahrgast reden können, dann ist das für den Stadtverkehr, der übrigens auf Beschwerdemails nicht reagiert, peinlich. Wenn solche Dinge passieren, werden gerade gewonnene Neukunden verprellt, denn es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck.
       
Muss man in den ersten zwei Wochen nach Einführung eines neuen Bussystems nicht über kleine Fehler hinwegsehen? 
Hörz: Ja! Aber die kleinen Fehler häufen sich, und es kommen größere hinzu. Wer infolge von Verspätung oder Ausfall, trotz eingeplanter Zeitreserve, Zug oder Flug verpasst, gibt dem Bus keine zweite oder dritte Chance. Wer mehrmals vergeblich in der Mobilitätszentrale nach dem ständig vergriffenen Fahrplanbuch fragt, pfeift auf »alles busser« – Stickoxide hin, Feinstaub her. 

Nicht zu vergessen,  das neue günstige Tagesticket sowie die 365 Euro Jahreskarte. Damit kann man schon Klinken putzen. 
Hörz: Dann schauen sie mal nach Wien, wo das 365-Euro-Ticket erfunden wurde. Da stellt sich schnell Ernüchterung ein: Dort können Jahreskartenbesitzer auf mehr als 1 200 Kilometern Streckennetz (S-/U-Bahn, Tram, Bus) ein Gebiet von 415 Quadratkilometern bereisen; in Reutlingen gelangt man für 365 Euro jährlich nicht einmal bis Kirchentellinsfurt.

Interessanter Vergleich. Das ist nicht gerade berauschend, dafür aber »busser«, wie überall zu lesen war. 
Hörz: Hören Sie auf. Während andere Städte über ihre ÖPNV-Ausbauprojekte von der Planung bis zur Vollendung mit großem Aufwand informieren und ihre Mobilitätsdienstleistungen als Teil eines zeitgemäßen Lebensstils inszenieren, plakatiert man in Reutlingen diesen atemberaubenden Slogan und erwartet, dass die Bevölkerung enthusiastisch die Busse stürmt.

Haben sie einen besseren Vorschlag?
Hörz: Ein per Wurfsendung breit gestreutes kostenloses Tagesticket zur »Probefahrt« wie andernorts nach Neuordnung des Nahverkehrs durchaus üblich? Wäre nett, gibt’s aber nicht! Ein auch nur einigermaßen gepflegter RSV-Facebook-Auftritt? Fehlanzeige! Die RSV-Website? Bilder aus einer Zeit, als es noch gelbe Telefonzellen gab und bezeichnenderweise dort am aufwändigsten gestaltet, wo die Busse als Werbeträger angeboten werden! Begeisterung für ÖPNV erzeugt man anders!

Was ist gegen die Nutzung der Busse als Werbeträger zu sagen – immerhin spült das Geld in die Kasse?
Hörz: Andere Verkehrsbetriebe achten penibel auf den unverwechselbaren Auftritt ihrer Fahrzeuge im Stadtraum, lassen diese in ihren   »Hausfarben« lackieren und arbeiten damit an ihrer »Marke« und deren Bindung an den jeweiligen Ort und seine Bevölkerung. In Reutlingen waren Straßenbahnen und Busse einst grün-weiß und somit unverwechselbar. Heute kündet die Außengestaltung der RSV-Fahrzeuge von Beliebigkeit und davon, dass Werbeeinahmen wichtiger sind, als eine wertige Inszenierung des ÖPNV und Lokalkolorit. Werden damit überhaupt Emotionen geweckt, dann keine positiven.

Wie weckt man sie?
Hörz: Potenzielle Kunden wollen eingeladen, umworben und dort abgeholt werden, wo sie gerade gehen und stehen. RSV-Abfahrtsmonitore am Hauptbahnhof, Marktplatz, am franz.K oder an anderen zentralen Orten? Schön wär’s! Aktuell wird die Anschlagtafel am Marktplatzkiosk, wo bislang die Fahrpläne der Haltestelle Stadtmitte ausgehängt waren, nicht einmal für einen Hinweis auf die nächstgelegenen Haltestellen genutzt.

Die Haltestellen sind aber mit Tafeln ausgestattet.
Hörz: Richtig, oft hat man aber nicht mehr gemacht,  als einen Fahrplan an einen Laternenmast zu hängen! Diese Haltestellen sehen aus wie Provisorien! Aber es geht nicht nur um Haltestellen: Es geht um die Präsenz an Orten, wo Leute sind – nicht nur der Information wegen, sondern, weil signalisiert wird: »Wir sind für Dich da!« Dieses Versprechen über alle Kanäle zu vermitteln, es durch anhaltend hohe Beförderungsqualität im Alltag einzulösen und Lust aufs Busfahren zu machen, ist nach Neuordnung von Netz und Fahrplan Gebot der Stunde, wenn gewollt ist, deutlich mehr Fahrgäste zu gewinnen.

Und wenn es gelingt, trinken wir beide ein Glas Sekt – und fahren gemeinsam Bus. 
Hörz (lacht):  Das machen wir – am besten im Bus. Dann ist wieder Zeit dafür, nicht nur für die RSV-Geschäftsführung und die Stadtverwaltung, sondern auch für die Passagiere und alle, die davon profitieren, dass das neue Buskonzept wirkt.

Dann hoffen wir, dass wir nichts verschütten und erinnern uns am Ende der Worte von OB Thomas Keck im Wahlkampf: »Wir können noch einiges tun beim ÖPNV.« 
Hörz: Dies gilt unverändert. Es darf gehofft werden, dass er sich dessen erinnert und dafür Sorge trägt, dass – anders als früher – dauerhaft deutlich wird: ÖPNV ist kein Nebenjob!

Herr Hörz, wir danken fürs Gespräch.