Überrascht waren wohl alle, als Reutlingens Rathauschefin am vergangene Woche verkündete: Sie werde im kommenden Jahr keine dritte Amtszeit anstreben. Von Bestürzung im Gemeinderat wurde berichtet, dass die Stadträte schockiert waren, manche sogar sprachlos, wie im Reutlinger General-Anzeiger zu lesen war. Dennoch sei Beifall in der Gemeinderatssitzung aufgebrandet. »Wohl mehr als Respekt für Boschs Entscheidung zu werten, denn als Ausdruck der Zustimmung« zum Rücktritt, stand am Mittwoch vergangene Woche im GEA. Allerdings waren nicht alle Äußerungen von Respekt und Bedauern geprägt. Die CDU-Fraktion etwa ließ es sich nicht nehmen, der OB noch einmal kräftig gegen das Schienbein zu treten: »Die Entscheidung von Frau Bosch, nicht erneut zu kandidieren, ist gut für Reutlingen«, schrieb die CDU. »Wir sind überzeugt: Es ist Zeit für Neues.« Von »frischen Ideen« sprachen die Christdemokraten weiter. Gerade so, als ob Barbara Bosch in den zurückliegenden 16 Jahren nichts bewegt, keine Ideen gehabt hätte. 

Bosch wird diese Stellungnahme einzuordnen wissen – schließlich hat die CDU ja stets gegen sie geschossen, egal, was sie getan hat. Und das alles nur, weil sie im Jahr 2003 gegen den von der CDU unterstützten Stefan Schultes als Amtsinhaber gewonnen hatte? War die Schmach damals so groß, dass die Christdemokraten das nicht verwinden konnten? Aber nun will die Fraktion ja »einen neuen Bürgermeister mit frischen Ideen« präsentieren. Der Name Tanja Gönner fiel, die ehemalige Sozial- und Umweltministerin im Land - als alles noch gut war, als die CDU in Baden-Württemberg noch fest im Regierungssattel saß. Und der christdemokratische Alptraum einer grün-gefärbten Landesregierung noch im Reich der Utopien ruhte. Apropos »grün«: Zwar bedauerten auch die Grünen im Reutlinger Gemeinderat Boschs Entscheidung, nicht erneut kandidieren zu wollen. Allerdings fiel hinter vorgehaltener Hand schon vor Boschs Absage immer wieder der Name Holger Bergmann, der Oberbürgermeister werden wolle. Eine Bestätigung durch ihn selbst oder durch Fraktionsführerin Gabriele Janz war allerdings vergangene Woche nicht zu kriegen. Kein Kommentar, hieß es da. Anders die FDP: Nach heftig geäußertem Bedauern über Boschs Entscheidung, nicht erneut zu kandidieren, hatte die FDP-Fraktion im Reutlinger Gemeinderat auch einen »Wunschkandidaten« aus dem Hut gezogen – Carl-Gustav Kalbfell solle der Nachfolger von Barbara Bosch werden, sagten die Freidemokraten. Nur blöd, dass der gute Mann davon nichts wusste und auf Nachfrage erklärte: »Wünschen darf man sich bekanntlich viel.« Gefragt worden sei er aber nicht, ob er kandidieren werde.

Ach ja. So werden wohl bis zum Februar kommenden Jahres noch manche Kandidaten wie weiße Kaninchen aus dem Zauberhut gezogen werden. Schließlich ist obendrein jetzt erst mal politisches Sommerloch. Und wir könnten uns doch auch ein wenig beteiligen und ein paar Namen in den Ring werfen: Wie wär’s mit Karsten Amann? Das smarte CDU-Gemeinderatsmitglied hätte wohl das Format, nicht nur bei den eigenen Parteimitgliedern Stimmen sammeln zu können.
Es könnten aber auch andere Namen sein, Politiker, die nach Phasen größerer Bekanntheit im trüben Wasser der Unbekanntheit versunken sind? Karl-Theodor zu Guttenberg? Braucht der nicht einen Posten? Oder Jogi Löw? Wenn er denn als Bundestrainer doch zurücktreten würde? Oder Cem Özdemir? Okay, lassen wir das Spekulieren. Das werden andere für uns übernehmen. Schade ist es auf jeden Fall für Reutlingen, dass Barbara Bosch nicht weitermacht. So nachvollziehbar und ehrenwert ihre Entscheidung auch ist – sie will mit ihrem schwerkranken Mann nach der Lungentransplantation noch ein paar gute Jahre erleben. Und das sei als OB mit einem Zwölf-Stundenjob plus jeder Menge Wochenendterminen einfach nicht möglich. »Die Entscheidung, nicht mehr zu kandidieren ist mir nicht leicht gefallen«, hat Bosch gesagt. Und das ist ihr zweifellos zu glauben. Auch wenn sie ebenso wie die gesamte Stadtverwaltung ständigen Anfeindungen ausgesetzt war und ist: Sie konnte damit umgehen, hat, wenn es sein musste, »klare Kante« gezeigt. Sie hat viel erreicht und viel bewegt in der Stadt. Auch wenn nicht alle immer mit allem einverstanden waren – Barbara Bosch hat dieser Stadt gut getan.