Simone Boley ist freiberufliche Hebamme. Jede Woche arbeitet sie mindestens 70 Stunden, werktags, samstags, sonn- und feiertags. Und mit ihrer Rufbe-reitschaft kommt sie sogar nachts. Wenn werdende Mütter Schmerzen haben, wenn sie nicht wissen, was sie tun sollen, wenn das Neugeborene brüllt, wenn die Narben der Mutter nicht abheilen. Simone Boley ist als Hausgeburtshebamme immer zur Stelle. Und sie ist eine von wenigen, die es noch gibt. Dabei ist für sie ihr Beruf gleichzeitig Berufung, nur: Ihre Tätigkeit frisst sie auch auf. »Es gibt immer weni-ger Hebammen, die Situation ist ähnlich wie in der Pflege.« Nämlich: katastrophal. Viele ihrer Kolleginnen hätten aufgegeben, sich eine Teilzeitstelle in Kliniken gesucht oder sie geben Geburtsvorbereitungskurse, begleiten Mütter im Wochenbett. »Sie sind keine Hausgeburtshebammen mehr«, so wie Simone Boley. Gleichzeitig ist die Geburtenrate gestiegen, was bedeutet: Für die verbliebenen Hebammen steigt der Arbeitsanteil immer weiter an. 

Das allein wäre noch nicht das Schlimmste: Ein weiterer Klotz am Bein der Hausgeburtshebammen ist die Haftpflichtversicherung – 8 000 Euro im Jahr müssen sie bezahlen, um gegen das Gefahrenrisiko bei Geburten versichert zu sein. »Es kommt aber noch dicker«, sagt Boley. Noch schlimmer sei nämlich die Dokumentationspflicht, die der Gesamtkassenverband den Hebammen unter dem Titel »Qualitätsmanagement« auferlegt. Quasi jeder Handgriff muss dokumentiert werden, »ich sitze heute dreimal so lang am Computer als früher, muss das meist nachts machen, weil ich sonst keine Zeit dafür habe«. Hinzu kommen bis zu 15 Hausbesuche pro Tag. Und dann womöglich noch nachts eine Hausgeburt. Schließlich halten sich Babys nicht an irgendwelche Arbeitszeiten. Simone Boley würde gerne ihre Arbeit reduzieren. »Aber was soll ich machen, wenn die Frauen anrufen, wenn ihr Kind kotzt, brüllt, keinen Stuhlgang hat, die Mutter unter Milchstau leidet oder einen Nervenzu-sammenbruch hat?« Dass die Hebammen mit all dem mehr oder weniger allein gelassen werden, »das ist eine typische Geschichte im patriarchalen System«. Neugeborene, Kinder und alte Menschen bringen kein Geld, sie werden lediglich als Kostenfaktor gesehen. Nicht als Investition in die Zukunft oder als Dankeschön für die jeweilige Lebensleistung von Seniorinnen und Senioren. Eine bodenlose Frechheit ist das nicht nur gegenüber den jungen und alten Menschen, sondern auch gegenüber dem (zumeist weiblichen) Personal, das sich um ganz junge und ganz alte Menschen kümmert.

Dabei ist die Arbeit von Hebammen wichtig. Lebens-wichtig. Denn die Tätigkeit von Simone Boley beschränkt sich bei weitem nicht allein darauf, ein Kind sicher und gesund auf die Welt zu bringen: Geburtsvorbereitung, Geburt einleiten, Geburtsnachsorge, Ernährungsberatung, Gesundheitsfürsorge, Ängste nehmen, beruhigen, Mut machen. All das geht verlo-ren, wenn keine Hebamme zur Verfügung steht. Und was passiert dann? »Die Praxen von Kinderärzten und Frauenärzten sind rappelvoll«, erläutert Boley. Dabei sind nicht nur die Ärztinnen und Ärzte völlig überfordert, hinzu kommt natürlich, dass die Mütter und ihre Kinder so auch gar nicht die Betreuung erhalten, die Hebammen ansonsten bei den intensiven Hausbesuchen leisten. Also gehen die Mütter von der Arztpraxis wieder heim, »sie lesen im Internet hanebüchene Geschichten über das, was alles passieren könnte, wenn die und die Symptome auftreten«. Ist es da ein Wunder, dass manche Mütter ängstlich, verzweifelt, panisch reagieren? Und dass sie auch mitten in der Nacht noch bei Simone Boley anrufen? »Was soll ich da tun? Die Frauen abweisen?« Allerdings finde sie kaum mehr eine Vertretung für sich selbst, wenn sie mal Urlaub machen wolle. Und ihre eigene Kraft werde ja nicht mehr, sie ist jetzt 58 Jahre, eine Aussicht, dass sich die Situation verbessere, sei aber nicht in Sicht. Den-noch schreibt Boley zusammen mit einer Kollegin einen Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn und beide planen eine Online-Petition, um auf die üble Situation von Hausgeburtshebammen hinzuweisen.