Am vergangenen Samstag hat Verdi zusammen mit Klinikmitarbeitern vor der Reutlinger Stadthalle demonstriert. Der Anlass: Kanzlerin Angela Merkel weilte für kurze Zeit in der Achalmstadt, um dem Landesparteitag der CDU beizuwohnen. Ob die Bundeskanzlerin die Demonstrierenden überhaupt wahrnahm, darf bezweifelt werden. Dabei geht es um ein Thema, das uns, früher oder später, alle angeht: Die katastrophale Personalsituation in den Kliniken in Reutlingen, Tübingen, in der Zollern-Alb-Region und in ganz Deutschland.


Die Gewerkschaft Verdi hatte vergangene Woche in Reutlingen in einem Pressegespräch darauf hingewiesen. »Pflegekräfte an allen Kliniken schleppen bis zu 400 Überstunden hinter sich her, auf jeder Station bräuchte es zwei bis drei Fachkräfte mehr, um die Situation zu entschärfen«, betonte Frank Hipp als Betriebsratsvorsitzender der Zollern-Alb-Kliniken. Schon seit mehr als zehn Jahren kämpfe Verdi laut Benjamin Stein gegen diesen Missstand – bislang jedoch ohne Erfolg. Im Gegenteil: Immer mehr Personal wurde abgebaut, immer mehr Arbeit müssen die verbliebenen Schwestern und Pfleger erledigen. »Das Maß ist jetzt übervoll, man kann ein System auch völlig an die Wand fahren«, so Hipp.


Genauso wie in den Altenpflegeeinrichtungen fehle es auch in den Kliniken am Nachwuchs. Und an attraktiven Arbeitsplätzen – logisch, wenn die Fachkräfte ihren Aufgaben gar nicht mehr gerecht werden können. Laut Gabriele Kaiser als Pflegefachkraft in der Onkologie an der Universitätsklinik Tübingen bräuchten ihre Kolleginnen und Kollegen in allen Abteilungen zwei bis drei Stunden mehr pro Arbeitstag, um ihre Aufgaben sinnvoll und weisungsgemäß erledigen zu können. »Die Verantwortung wird somit von den Arbeitgebern auf das Pflegepersonal verlagert, welche Aufgaben sie nicht erledigen können«, betonte Benjamin Stein als Geschäftsführer von Verdi Neckar-Alb. 

Dabei ist die Situation sowohl in den Pflegeheimen wie auch in den Kliniken in der Republik seit Jahrzehnten bekannt. Sehenden Auges lässt die Politik das System dennoch schmählich im Stich. Dabei ist eines klar: Seitdem die Einrichtungen, die sich um Menschen kümmern, wie Wirtschaftsunternehmen geführt werden, geht die Menschlichkeit verloren. Und das betrifft nicht nur die alten Menschen und Patienten in Kliniken, sondern auch das Personal. 


Die Mitarbeiter in allen Einrichtungen werden ausgepresst wie die berühmten Zitronen, immer mehr psychische Krankheiten, immer mehr Burnout und auch körperliche Beeinträchtigungen sind die Folgen bei den Beschäftigten. Das liegt aber nicht nur an der zunehmenden Arbeitsbelastung, sondern auch daran, dass Pflegekräfte ihre Freizeit – ihre freien Tage, die sie bitter bräuchten, um sich zu erholen – zumeist gar nicht nehmen können.

Nahezu regelmäßig werden sie angerufen, weil sie mal wieder einspringen sollen für eine Kollegin, einen Kollege, der krank ausfällt. Und selbst die Pausen während der Arbeitszeit können laut einer Umfrage 75 Prozent der Beschäftigten nicht einhalten, wie Michael Sauter aus dem Personalrat der Uni-Kliniken Tübingen betonte.
Eine Demonstration auf dem Tübinger Holzmarkt am kommenden Dienstag, 19. September, ab 11 Uhr 45, soll die Politik nochmals auf diese Missstände in den Kliniken hinweisen. Das Motto lautet: »Mehr Personal und Entlastung.« Denn: »Mehr von uns ist besser für alle.«

Mehr Beschäftigte in allen Bereichen der Kliniken und Pflegeheimen würde nicht nur das Personal entlasten, sondern auch die Patienten und alten Menschen. Denn die müssen schlussendlich »ausbaden«, wenn die Pflegerinnen und Pfleger nur noch hin- und herrennen, wenn sie ständig das Gefühl haben, ihre Aufgaben nicht wirklich richtig und gut erledigen zu können. Wie sollen die Alten und auch die Patienten sich wohlfühlen, wie soll der Gesundungsprozess möglichst gut voranschreiten, wenn niemand Zeit hat? Aber nach dem Wohl der Menschen (egal, ob Beschäftigte oder Patienten) fragt ja in dieser Gesellschaft eh schon lange niemand mehr. Weil alles ökonomisch ablaufen muss. Weil nur der Mammon zählt. Dabei wird immer vergessen, dass Menschen nun mal keine Schrauben, keine Autos und auch keine bürokratischen Vorgänge sind.