»Herr, schmeiß Hirn ra.« Muss einem angesichts der Situation in der Lederstraße nicht genau dieser Satz einfallen? Die verzweifelten Versuche, die Stickstoff-dioxidwerte unter die magische Marke von 40 Mikrogramm zu drücken, nehmen immer mehr Aus-maße an, die an Schildbürgerstreiche erinnern. Wie zum Beispiel »fotokatalytische wirkende Hausanstri-che« an die Gebäude neben der Messanlage anzu-bringen – die natürlich an der realen Luftverschmut-zung kein bisschen ändern. Aber vielleicht die Mess-werte um ein bis zwei Zehntel von momentan 48 Mikrogramm senken? Wer weiß. Ähnlich schildbür-gerstreichmäßig mutet der Abriss der Lärmschutz-wand hinter der Messanlage an. Oder die Idee mit den »Filter-Cubes«, die dreckige Luft absaugen soll. Nun aber der Knüller: Die Idee der nächtlichen Sper-rung einer Spur der Lederstraße in Richtung Pfullin-gen auf rund 250 Meter Länge zwischen Alter Feuer-wache und Parkhaus. Was soll das? Rund 300 000 Euro soll die Beschilderung kosten, die zwischen 20 und 6 Uhr nur noch eine Spur zulassen soll. Die Ausweitung der Zeiten auf bis zu 18 Stunden sei denkbar, hieß es von Stadtseite. Na dann viel Spaß – wenn sich in der Hauptverkehrszeit die Fahrzeuge bis in die gesamte Karlstraße, in der Konrad-Adenauer-Straße bis zum Hohbuch-Knoten und in der Adenauerstraße bis zum Stadion stauen werden. Aber: Anders geht«s wohl nicht. Der Leidensdruck muss noch viel mehr steigen, damit Autofahrer ir-gendwann einsehen, dass es angenehmer wäre, auf den ÖPNV umzusteigen. Nur: Wenn der Bus dann ebenfalls im Stau steckt – was ist damit erreicht? Also müsste konsequenter- und logischerweise doch eine Busspur in der Lederstraße her, so wie sie auf der Gegenfahrbahn ja schon lange existiert. Und zwar nicht nur auf dem 250 Meter langen Abschnitt, son-dern von der Kreuzung Alteburgstraße bis zum Reut-linger Ortsende. Das wäre konsequent. Doch die Stadtverwaltung schreckt davor ebenso zurück wie die große Mehrheit des Gemeinderats. 
Dennoch bleibt wohl kein anderer Weg, um die Luft-verschmutzung in der Innenstadt zu senken. Die Zahl der Fahrzeuge muss deutlich gesenkt werden. 
          Und zwar nicht nur in der Ledestraße. »Die Reutlinger ha-ben«s in der Hand«, hatte Baubürgermeisterin Ulrike Hotz bei einem Pressegespräch betont. Allerdings müssen auch die Auswärtigen zum Umsteigen über-redet werden, schließlich gibt es jede Menge Ein-pendler, die aus den Reutlinger Teilorten oder auch von der Schwäbischen Alb in die Metropole zum Arbeiten kommen. Für sie müssten ebenfalls dringend Angebote gemacht werden. Zum Beispiel Park-and-Ride-Parkplätze am Stadtrand, wo sie bequem in den Bus einsteigen könnten, um in die Innenstadt zu kommen. Sollte irgendwann mal die Regionalstadt-bahn kommen, dann würde (hoffentlich) die Großre-gion Reutlingen angebunden. Und alle würden den Zug nutzen. Was für ein schöner Traum. All die Maßnahmen, die nun angedacht sind, um den Stickstoffdioxidwert an der Messstelle in der Lederstraße zu senken, erinnern hingegen stark an unser Gesundheitssystem: Anstatt die Ursachen der Krankheit an-zugehen, wird beim Patienten stets nur an den Symp-tomen herumgedoktert. 
Und dann noch der Radschnellweg. Der erinnert hingegen weniger an einen Schildbürgerstreich als vielmehr an eine seltsame Provinzposse: Da hatte ja Landesverkehrsminister Winne Herrmann verlautbaren lassen, dass sein Ministerium gegen die »Ent-widmung« der alten Honauer Bahntrasse sei – so dass solch ein annähernd kreuzungsfreier Radweg zwischen Südbahnhof und Hauptbahnhof nicht installiert werden könnte. 
Vor wenigen Tagen kam nun die Entwarnung – Oberbürgermeister Thomas Keck hatte mit dem zwei-ten Mann im Ministerium, Dr. Uwe Lahl, gesprochen. Und eine Lösung gefunden. Sollte nämlich die alte Bahntrasse doch noch als Strecke für die Regional-stadtbahn gebraucht werden, dann müsste die Stadt den Rückbau des Radschnellwegs selbst finanzieren. Es kann also gebaut werden. Somit Ende gut, alles gut? Mitnichten. Das Thema CO2-Reduzierung wird die Stadt, die Autofahrer, die Bürger noch lange beschäftigen. Und es wird sich viel ändern müssen. Ganz besonders aber das eigene Fahrverhalten, denn: Autoverzicht wird uns in der Zukunft am meisten helfen – ob freiwillig oder mit Verboten. Mit kosmetischen Korrekturen kommt man jetzt nämlich nicht mehr gegen den Klimawandel an.