Soll man da lachen oder heulen? Oder könnte einem denn doch der Hut hochgehen, wenn Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) per Video verbreiten lässt, dass er »die Diesel-Debatte als viel zu emotional« betrachtet? Der hat leicht reden, fährt sicherlich keinen älteren Diesel der Euro-Norm 4 oder 5. Insgesamt 1,3 Millionen Fahrzeuge bundesweit könnten von dem Verbot betroffen sein, verkündete die Nachrichtenagentur dpa. Nicht mitgerechnet wären dabei allerdings die Einpendler, die tagtäglich in die jeweiligen Städte reinfahren. So auch in Reutlingen. Lange hatten ja die Dieselfahrer im Landkreis gehofft, dass mit dem Scheibengipfeltunnel alle Probleme in der Stadt – oder zumindest in der Lederstraße - gelöst seien. Weit gefehlt, schon vor der Tunnelöffnung war klar, dass die Verlagerung des Verkehrs (und der Schadstoffe) bei weitem nicht ausreiche, um die Werte in Reutlingens Mitte unter die geforderten 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid zu senken. Weitere Maßnahmen seien dringend notwendig, heißt es. Der Um-stieg von Pendlern auf Bus und Fahrrad etwa. Viel wird getan, um beides zu erreichen, das Busnetz wird deutlich ausgeweitet, Fahrradstraßen entstehen.
Das ist natürlich gut. Ob es reicht, steht in den Sternen. Schließlich müssen die Autofahrer das Spielchen auch mitspielen und umsteigen. Das jedoch erscheint sehr fraglich, denn die gute Luft scheint Autofahrern bundesweit ziemlich egal zu sein – wenn die Bequemlichkeit betroffen ist. In das Auto vor der Haustür einzusteigen ist allemal angenehmer als ein paar Minuten zum Bahnhof oder zur Bushaltestelle zu laufen, bis zum Ziel womöglich noch ein bis zweimal umsteigen zu müssen, ach ja – man hat’s nicht leicht als Autovermeider.

Die Konsequenz für die Städte heißt also: Die Bedingungen für Autos müssen noch schlechter gemacht werden als sie jetzt schon sind. Wenn man heute nach Reutlingen rein will (oder muss), dort arbeitet oder zum Arzt muss, die Ampelschaltungen einen immer noch länger warten lassen, Parkplätze eh kaum zu finden sind, die Suche nach einem freien Plätzchen auch seine Zeit braucht, außer man fährt gleich in die sündhaft teuren Parkhäuser – wäre es bei alledem nicht sinnvoller, Busse zu nutzen? Natürlich wäre es das. Aber sofort schnellen Argumente ins Gehirn, warum das Auto vor der Tür dem eigenen Ich deutlich näher ist als so ein unpersönlicher Bus. Aber: So geht das nicht. So wird die Luft in Reutlingen nicht besser. Und wenn Oberbürgermeisterin Barbara Bosch verkündet, dass »wir Fahrverbote unbedingt verhindern wollen«, wie beim Arbeitskreis Reutlinger Wirtschaft der IHK im vergangenen Juli - was dann? Dann wäre das vielleicht Dieselfahrerfreundlich. Hier ein anderer Vorschlag, der ja während der Ölkrise in den 1970er Jahren schon mal angewendet wurde: Gerade Autonummern dürfen den einen Tag fahren, ungerade den anderen. Denn sauber sind ja auch die Benzin-Autos nicht. Und die Autoindustrie, die im vergangenen Jahr zweistellige Milliardengewinne einstreichen konnte, trotz Dieselbetrugsskandal, müsste härter rangenommen werden. Wenn sich der Bundesumweltminister nun endlich mal Gedanken machen will, »wie wir bestehende Fahrzeuge noch sauberer bekommen«, wie er in dem Video verkündete – was heißt das jetzt? Dass er tatsächlich Druck auf die Autoindustrie ausüben und sie zu Hardwarenachrüstungen zwingen will? Oder ist das ein erneutes Ablenkmanöver, um den Autobauern nicht zu sehr auf die Füße zu treten?

Und was passiert da eigentlich im Hambacher Forst? Wenn dort für das Energieunternehmen RWE ein letztes Stückchen Wald gerodet werden soll, um Braunkohle abbauen zu können? Für die dreckigste Art der Energiegewinnung? Was ist das denn für ein unglaublicher Blödsinn? Aber doch ziemlich weit weg, bei Köln. Was geht’s uns an? Und was können wir schon tun? Nichts? Falsch. Das ist grottenfalsch. Zum einen können wir alle das Auto öfter stehen lassen. Wir können ein Stück von unserer Bequemlichkeit aufgeben und damit die Luft in den Städten besser machen. Und wir können protestieren. Gegen solch einen Wahnsinn wie im Hambacher Forst. Und man kann natürlich ganz einfach den Stromanbieter wechseln.