Kostenlos Busfahren? In Reutlingen? Super Idee, doch leider vorerst nicht machbar. Nach der ersten Euphorie darüber, dass von der Bundesregierung solch ein Vorschlag kam und unter fünf Modellkom-munen ausgerechnet auch Reutlingen sein soll, haben sich die Gemeinderatsfraktionen – um es mal vornehm auszudrücken – zurückhaltend begeistert gezeigt. Und Recht hatten Sie. Denn man braucht kein Prophet sein, um zu wissen, dass solch ein Vorhaben auch eine Menge Geld kostet. Geld, was die Gemeinden und Kommunen schlichtweg nicht haben. Und so verwundert es kaum, dass just zu Wochenbeginn alle fünf »Teststädte« Unisonso »Nein« dazu sagten. 


Nun könnte man sich grundsätzlich die Frage stellen, ob ein kostenloses Busangebot überhaupt das Prob-lem angeht, um das es sich hier schließlich dreht - nämlich um die bessere Luft in Reutlingen und in allen deutschen Ballungsräumen. Die Idee hinter der Berlin-Initiative ist ja eigentlich ganz einfach: Wenn mehr Menschen ihre Autos stehen lassen und stattdessen mit dem ÖPNV in die Innenstädte fahren, verbessert sich die Luft automatisch beziehungsweise sinken die Feinstaub- und Stickstoffdioxidwerte. Und das wäre ja schließlich die Absicht von dem Ganzen.

Allerdings hat die Sache - neben dem fehlenden Geld - noch einen weiteren ganz dicken Haken: solange die Bequemlichkeit der Bürgerinnen und Bürger dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung zieht, solange wird sich nichts ändern. Für Reutlingen heißt das: Solange die Verkehrssituation nicht so miserabel ist, dass ich als Autofahrer ganz sicher viel zu lange im Stau stehe, so lange wird sich auch das Kfz-Nutzerverhalten nicht ändern. Und solange die Parkgebühren sich immer noch in einem moderaten Rahmen bewegen, solange werden die Autofahrer auch weiterhin ewig lange Suchzeiten nach freien Stellplätzen in Kauf nehmen. 

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Autos sind hierzu-lande Statussymbole. Und solange sich Autohalter beispielsweise mit ihren schicken PS-starken wenn gleich tonnenschweren, spritfressenden und dreck-speienden SUV’s durch die Innenstadt quälen wollen, solange kann man wohl auch keine überlegte und nachhaltige Entscheidung für bessere Luft erwarten. Wer glaubt denn wirklich, dass SUV-Fahrer sich in Busse begeben wollen?


Eine andere Stadt macht es hingegen schon seit langem vor, wie man den Verkehr nachhaltig aus der Stadt verdrängen kann: Der Blick nach Tübingen zeigt, dass die Parkplatzgebühren dort noch um einiges höher sind als in Reutlingen. Engstellen wie die Mühlstraße werden zudem durch eine haarsträubende Ampelschaltung völlig unattraktiv gestaltet. Und obendrein hat OB Boris Palmer ja vor kurzem bereits die kostenlose Busnutzung an Wochenenden angekündigt. Wohlwissend, dass kostenloser Nahverkehr auf Dauer nicht finanzierbar ist.


Oder wie wärs es mit der City-Maut. Die ist transparent, gerecht und belastet den Autofahrer, der selbst entscheidet, ob er selbige nutzt oder nicht. Ausnahmeregelungen für Gewerbetreibende, Zulieferer und Dienste inbegriffen. Die Maut ist in zahlreichen europäischen (Groß)-Städten erfolgreich, unter anderem in London. Ok, Reutlingen ist nicht London. Dennoch könnte man mal drüber nachdenken. Aber solange man in der Achalmstadt noch mehr oder weniger problemlos per Auto in die Innenstadt kommt – und nach der Scheibengipfeltunnel-Öffnung sogar wieder nahezu ohne Stau zum Ziel in der City gelangt – solange werden die Autofahrer nicht auf ihr »Heilig’s Blechle« verzichten. Und somit werden auch die Stickstoffdioxidwerte nicht unter den erforderlichen Grenzwert sinken. Ohne die Verengung von Fahrbahnen etwa in der Konrad-Adenauer-Straße, Parkplatzreduzierung, Tempo 40 und Ampelschaltungen mit langen Wartezeiten, wird sich wohl gar nichts ändern.


Oder vielleicht doch. Denn Städte und Gemeinden dürfen nach geltendem Recht Fahrverbote verhängen – so urteilte das Bundesverwaltungsgericht am Dienstag in Leipzig. Damit drohen beispielsweise Berufspendlern und Handwerkern existenzbedrohende Belastungen. Die berühmte »Blaue Plakette« kommt auch wieder ins Spiel. Die Verlierer stehen eigentlichjetzt schon fest – die Automobilhersteller werden es jedenfalls nicht sein.