»Vielfalt verbindet« – so hieß das Motto der 27. Interkulturellen Woche in Reutlingen. Mit einer unglaublichen Vielfalt an unterschiedlichen Veranstaltungen wartete diese Woche auf, vom Internationalen Brunch über Tänze, Varieté, zahlreiche Vorträge und noch viel, viel mehr. Eine riesige Vielfalt an Aktionen, Aktivitäten und Informationen war geboten, die allesamt aber eines voraussetzten: Offenheit. Offenheit gegenüber dem Thema der Zuwanderung. Und auch Offenheit gegenüber Geflüchteten. Gegenüber uns fremden Menschen.


Genau diese Offenheit hatte Ramazan Selcuk bei der »Zentralen Veranstaltung zur Interkulturellen Woche« in der Reutlinger Stadtbibliothek gefordert: »Wir sollten im direkten Kontakt mit Flüchtlingen und Migranten nicht das Trennende, sondern das Verbindende suchen«, hatte er als Podiumsteilnehmer und Reutlinger SPD-Politiker betont, der vor wenigen Tagen in den Landtag nachgerückt ist. Genau das, was die Veranstalter und eine breite Mehrheit in der Bevölkerung so empfinden – dass nämlich Vielfalt verbindet und nicht trennt – das lehnen ja ganz offensichtlich die Vertreter der AfD und deren Wähler ab. Offensichtlich haben sie alle Angst vor dem und den Fremden, vor anderen Kulturen, an-deren Lebens- und anderen Sichtweisen.

Dabei könnten wir alle einiges von den jeweils anderen lernen – etwas mehr Lockerheit zum Beispiel. Eine Deutschlehrerin, die arabische Flüchtlinge unterrichtet, erzählte vor kurzem, dass für arabische Arbeitnehmer es kaum vorstellbar sei, dass sie nicht zuhause einspringen, wenn Kinder krank sind, wenn in der Familie Hilfebedarf besteht. »Das ist im Arabischen eine durchaus positive Eigenschaft«, sagte die Lehrerin vor kurzem. Bei uns unvorstellbar, dass Arbeitgeber das Mitmachen könnten?


Doch mit solchen Dingen wollen sich ja die fast 13 Prozent AfD-Wähler nicht auseinandersetzen. Oder? Wollen sie tatsächlich, dass alles so bleibt wie es war? Wie es zu welchem Zeitpunkt der deutschen Geschichte war? Bevor Einwanderer nach Deutschland kamen? In Reutlingen leben mehr als 30 Prozent Migranten. Und sie tun das zum allergrößten Teil friedlich. Und zu unserem Vorteil, denn die allermeisten zahlen Steuern und Sozialabgaben. Ach ja, jetzt käme dann wieder der Vorwurf, dass Geflüchtete doch kriminell sind. »Ich weiß doch, wie die sind«, rief mir vor kurzem eine Frau entgegen, mit dem Verweis auf den Vergewaltiger in Freiburg. Und auf die sexistischen Übergriffe in Köln. Alle sind sie gleich. Alle Fremden.


Na klar. Das sind schlimme Vergehen, brutale Verbrechen, die geahndet werden müssen. Ohne Rücksicht auf die Herkunft der Straftäter. Wie sich in den zurückliegenden zwei Jahren gezeigt hat, ist die Angst der vielen Familienväter unbegründet, dass sie ihre Töchter nicht mehr allein auf die Straße lassen könnten. Als nämlich jede Menge Flüchtlingsunterkünfte im Kreis Reutlingen gebaut wurden, die Geflüchteten einzogen, passierte – nichts. Keine Übergriffe, keine Gewalttaten. Außer zwischen den Flüchtlingen. Was manches Mal kein Wunder ist, wenn verschiedene Ethnien auf engstem Raum miteinander leben müssen. Und im Übrigen ist die Gefahr, von einem Deutschen vergewaltigt, bedroht, geschlagen, ausgeraubt zu werden, um ein Vielfaches höher als von einem Geflüchteten. Und? Habe ich deshalb generell Angst vor meinen deutschen Mitbürgern?

Meine Bedenken gegenüber deutschen Missetätern ist auf jeden Fall nicht geringer als gegenüber fremdländischen Menschen. So wie Selcuk mehr Offenheit gegenüber allen Menschen gefordert hatte, so brauchen wir auch in Reutlingen ein Stück mehr Gelassenheit. Und die Zuversicht, dass wir das schon hinkriegen. Das Zusammenleben mit anderen Menschen.  Stellen wir uns doch nur mal vor, wir wären kein so reiches Land. Wir hätten keine Aussicht auf einen Job, wir müssten vielleicht sogar hungern. So wie es im 18. und 19. Jahrhundert ja tatsächlich hier bei uns war.