Warum nimmt jemand wie Dr. Rainer Claußnitzer zusammen mit seiner Frau Anne immer wieder die Strapazen auf sich, Tausende Höhenmeter in dünner Luft aufwärts zu steigen, um in entlegenen Tälern in Nepal Menschen zu helfen? Ihnen die Grundlagen von Hygiene und Erster Hilfe beizubringen? Um vielleicht auch mal selbst zu operieren? »Als wir in der nepalesischen Hauptstadt Katmandu in ein 60 Jahre altes, kleines Flugzeug gestiegen sind und mittenrein in ein Gewitter flogen, da fragte ich mich schon, was wir hier überhaupt machen«, erinnert sich Anne Claußnitzer, die aus einer Künstler- und Musikerfamilie stammt, in der ehemaligen DDR aber leitende OP-Schwester wurde. 


Ihr Mann war dort Arzt, ist 1981 geflüchtet, als er eigentlich nach Angola fliegen sollte. Die folgenden zwei Jahre waren mit Sicherheit weder für ihn noch seine Frau wirklich lustig. »Die Stasi stand fast jeden Tag in Dresden vor meiner Tür – ich musste immer so tun, als ob ich von der Flucht meines Mannes nichts gewusst habe, sonst wäre ich ins Gefängnis gekommen«, sagt Anne Claußnitzer heute. Psychoterror war an der Tagesordnung, sie stellte dennoch einen Ausreiseantrag - und ihr Mann verklagte die DDR vor dem Internationalen Gerichtshof. Zwei Jahre später durfte sie mit ihren zwei Kindern in die Bundesrepublik. »Ich war zunächst in Tübingen an der Klinik und da-nach in Reutlingen«, sagt Rainer Claußnitzer.

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Bis vor sieben Jahren war er Chefarzt der Gefäßchirurgie an den Reutlinger Kliniken. 1989 flog das Paar zum ersten Mal nach Nepal zum Klettern. »Da haben wir gesehen, wie dringend notwendig dort medizinische Versorgung vor allem in den entlegenen Gebieten wäre.« Sein Beruf und seine Familie mit nunmehr vier Kindern hätten ihn aber zu sehr gefordert. Als dann aber der Ruhestand in Sicht kam, ist das Paar gemeinsam aufgebrochen. Seitdem fliegen sie jedes Jahr ein bis zweimal für vier bis sechs Wochen nach Nepal. »Wir haben trotz DDR und allem anderen viel Glück im Leben gehabt und wollten einfach ein wenig zurückgeben«, sagt Anne Claußnitzer als Begründung für die Motivation von ihr und ihrem Mann.

Im Laufe der Jahre ihrer Nepal-Hilfe gab es auch niederschmetternde Erfahrungen mit Hilfseinrichtungen oder mit falschen Partnern. Erschreckt, frustriert, wütend müssen sie gewesen sein, als der Verein, mit dem sie jahrelang zusammengearbeitet und Spenden gesammelt haben, die Finanzen nicht aufdecken wollte. Bei dem Verein »Nepali Rotznäschen« sind sie sich nun hundertprozentig sicher, dass so was nicht erneut passieren wird. Und im Laufe der Zeit haben sie auch in Nepal Partner gefunden, die sich unglaublich engagieren: »Der Verein Lischa hat in 16 Dörfern 16 Schulen aufgebaut, organisiert dort zweimal jährlich Schuluntersuchungen und jetzt wird jeden Tag warmes Essen gekocht – was dazu führt, dass die Leute ihre Kinder in die Schule schicken«, so Rainer Claußnitzer begeistert.

Die Beiden engagierent sich für die medizinische Versorgung, organisieren den Aufbau von »healthposts«, also Gesundheitsstationen. »Einen Arzt gibt es in den hochgelegenen Tälern meist nur zwei bis fünf Tage entfernt«, sagt Claußnitzer. Sie seien aber mitnichten »nur« die Gebenden. »Wir kriegen ja auch ganz viel zurück – wir werden immer in die Gemeinschaft aufgenommen.« Weil sich der Arzt bewusst ist, mit seinen 72 Jahren nicht ewig diese Belastungen schaffen zu können, nimmt das Paar immer wieder jüngere Ärzte, Krankenschwestern oder Hebammen mit. Dabei sei klar, dass es nicht gerade einfach ist, drei Wochen vom Jahresurlaub für solch eine Reise abzuzweigen. Wobei alle immer die Reisekosten selbst tragen, »wir sorgen dafür, dass jeder Spendeneuro direkt bei den Menschen in Nepal ankommt«, sagt Anne Claußnitzer. »Urlaub ist das nicht, das ist schon anstrengend«, betont der Chirurg. Und nach dem Erdbeben 2015 ist die Situation dort noch schlimmer als sie eh schon war.