»Im Kreis Reutlingen stehen 1 700 Wohnungen leer.« Das behauptet zumindest »Die Crew«, also jene Gruppierung unbekannter Mitglieder, die seit mittlerweile mehr als zwei Wochen ein Haus in der Kaiserstraße 39 besetzt hat. Nun könnte man es als Skandal ansehen, dass maskierte Menschen in ein fremdes Gebäude eindringen. Noch viel skandalöser ist jedoch die Tatsache der seit Jahren leer stehenden Wohnungen – und im speziellen Fall, dass das Haus auch noch der GWG gehört. Die Wohnungsgesellschaft der Stadt hat erstmal Anzeige erstattet, denn: Wo kämen wir denn da hin, wenn Hausbesetzungen wieder in Mode kommen würden? Wenn tatsächlich noch mehr Menschen die Idee aufgreifen würden, leer stehende Häuser zu besetzen? Klar ist das ein Rechtsbruch, in ein Haus einzuziehen, das jemand anderem gehört. Kann und darf man aber angesichts der Wohnungsnot in Reutlingen und andernorts nicht Sympathie für die Hausbesetzer empfinden?

Darf man denken, dass sich da ein mutiger Haufen die Leerstände von Wohnungen und Gebäuden nicht mehr bieten lassen will? Man darf das nicht nur denken, man muss das sogar tun, denn: Die Zahl auf der Liste der Wohnungssuchenden allein bei der GWG liegt nach offiziellen Angaben bei rund 1 700. Hinzu kommen Tausende anderer Menschen, die dringend Wohnraum in Reutlingen suchen, aber keinen finden. Ist es angesichts dieser Situation nicht höchst unverantwortlich, wenn Häuser leer stehen? Und dann ausgerechnet auch noch die GWG Wohnraum über Jahre hinweg vergammeln lässt? Das ist nicht nur unverantwortlich, sondern auch eine Frechheit gegenüber allen Menschen, die Wohnraum suchen. Dass Oberbürgermeister Thomas Keck die Hausbesetzung zwar als Rechtsbruch beurteilt, aber »nicht gleich die große Keule rausholen will«, ehrt ihn. Aber er kennt die Wohnraumproblematik ja auch sehr genau, als einstiger Geschäftsführer des Reutlinger Mieterbunds und als jahrelanges Gemeinderatsmitglied. Und offensichtlich hegen viele Menschen Sympathie mit den Besetzern.

»Wir haben nicht mit der unglaublichen Solidarität gerechnet«, sagen die »Crew«-Mitglieder. Das Zitat wurde sogar in den Stuttgarter Nachrichten wiedergegeben. Und in der Stuttgarter Zeitung steht, dass ständig Interessierte durch das Haus in der Kaiserstraße 39 geführt werden. Die Reutlinger Nachrichten schlagen einen ganz anderen Ton an: In einem Artikel zu dem Geschehen rund um die Kaiserstraße 39 kriegen wir in den Reutlinger Nachrichten eindeutig und zweifelsfrei erklärt, wo die Rechtsbrecher herkommen: »Das Logo der ‚Crew’ lässt keinen Zweifel daran, aus welchen Ideen die Hausbesetzer gespeist werden: Es ähnelt auffallend dem Emblem der Antifaschisten.« Dann ist ja alles klar. Zum Rechtsbruch durch die Besetzung, schreiben die Reutlinger Nachrichten in einem Kommentar: Natürlich müsse die Reaktion auf die Straftat »verhältnismäßig sein«. Aber: »Der Rechtsstaat muss wehrhaft sein und darf sich nicht am Nasenring durch die Arena führen lassen.« Also doch die Keule rausholen? 


Vielleicht sollte man sich lieber mal mit dem eigentlichen Problem beschäftigen – dass viel zu viele Wohnungen und Häuser (auch) in Reutlingen leer stehen. Und wenn dann ausgerechnet die GWG jahrelang intakten Wohnraum vergammeln lässt, dann ist das nicht nur eine Frechheit, sondern widerspricht ja ganz offensichtlich dem Auftrag der Wohnungsgesellschaft. Im Leitbild der GWG ist nämlich nachzulesen: »Wirtschaftliches Denken und Handeln sind uns genauso wichtig wie gesellschaftliche Verantwortung und humanitäre Werte.« Angesichts des leerstehenden Gebäudes in der Kaiserstraße 39 und angesichts der Wohnungsnot erscheint einem solch eine Aussage wie Hohn. Haben die Leerstände System, wie »Die Crew« vermutet? Wird da tatsächlich mit Wohnraum spekuliert? Oder hat die GWG das Haus einfach »vergessen«? Beide Fälle wären nicht tragbar. Und natürlich müssen, wie OB Keck das auch fordert, sämtliche Leerstände der GWG auf den Tisch.