Kommen sie jetzt, die Windräder auf dem Hügel bei Undingen? Oder kommen sie nicht? Das Urteil des Verwaltungsgerichts Sigmaringen vor knapp drei Wochen hat zumindest die Bedenken des Denkmalschutzes aus dem Weg geräumt – oder anders ausgedrückt: Die 9. Kammer des Gerichts hat mit ihrer Entscheidung die vom Landratsamt Reutlingen verweigerte Baugenehmigung für die Firma Sowitec aus Gründen des Denkmalschutzes verworfen. Dabei hatten Vertreter des Landesamtes für Denkmalschutz einen Tag zuvor sehr eindrücklich darzulegen versucht, dass das Schloss Lichtenstein zusammen mit der Umgebung ein erhaltenswertes Denkmal und sozusagen ein Gesamtkunstwerk darstelle. Und das hieße: Ohne Umgebung, also ohne Albtrauf und die Hügel ringsherum, verliere das Schloss als Denkmal an Ausstrahlungskraft. Windräder würden diese Strahlkraft sozusagen kaputtmachen. Dieser Argumentation kann man folgen. Oder eben nicht.

Ein Ausflug des Gerichts zu mehreren Aussichtspunkten sollte mehr Klarheit verschaffen. Eine Schneewanderung bei herrlichem Wetter auf einen Hügel bei Holzelfingen verdeutlichte vor allem eins: Das Schloss war von diesem Punkt aus ganz entfernt am Horizont als nicht mal Fingenagel-großes Gebäude gerade so noch ohne Fernglas zu erkennen. Wieso sollten, so die einfache Frage, fünf Windräder diesen Blick stören? Und überhaupt: Fast alle Bürgerinnen und Bürger sind für die Wende hin zu regenerativen Energieträgern. Aber die wenigsten wollen Windräder in Sichtweite. So sahen das wohl auch die fast 18 000 Personen, die mit ihrer Unterschrift bekundet hatten: Wir sind gegen Windräder auf dem Hügel bei Undingen. Wir wollen keine »Verspargelung« der Landschaft. Diejenigen, die sich so äußern, sollten mal auf den Autobahnen aus Baden-Württemberg hinaus die »Grenzübertritte« nach Hessen, Rheinland-Pfalz oder auch Bayern begutachten. Sobald nämlich zahlreiche Windparks die Landschaft besiedeln, kann man sich fast sicher sein: Wir sind nicht mehr im Ländle. Oder maximal in Hohenlohe. Oder irgendwo im Schwarzwald.

Denn: Trotz hiesiger grün-schwarzer Landesregierung kriegt man es nicht auf die Reihe, für deutlich mehr sauberen Strom per Windkraft zu sorgen. Da werden von der EnBW Anteile an Windparks in der Nordsee gekauft, anstatt für dezentrale Stromproduktion vor Ort zu sorgen. All das aus Angst vor dem St. Floriansprinzip? Aus Furcht vor den Bürgerinitiativen, die überall wie Pilze aus dem Boden schießen, sobald auch nur der Gedanke geäußert wird, dass ein irgendwie geartetes größeres Bauwerk vor der Haustür von wem auch immer gebaut werden könnte?

Jaja, ich weiß: So wie mir bei meinem Kommentar zur »Seebrücke Reutlingen« um die Ohren geschlagen wurde, dass ich doch fünf Flüchtlinge in meiner Wohnung aufnehmen soll, so werden sich auch jetzt Menschen melden, die verlangen, ich soll mir doch so ein Windrad in den Garten stellen. Her damit, sage ich. Und wenn ich den Platz für fünf Räder hätte, dann würde ich fünf aufstellen. Schließlich geht es beim Klimawandel nicht nur um unsere Zukunft, sondern ganz besonders um die der nachfolgenden Generationen. Und beim geplanten Windpark in drei Kilometer Entfernung vom Schloss Lichtenstein, versichere ich den Gebäudebesitzern: Die Attraktivität des Denkmals wird durch die Räder nicht leiden. Im Gegenteil. Der Windpark wird Touristen nicht abschrecken, sondern es werden noch mehr kommen. So wie das beim Himmelberg auch schon war. Auch dort wurden die drei Windräder zunächst bekämpft. Und nun ist der Hügel mit dem luftigen Trio eine Attraktion.

Außerdem: Die Baugenehmigung für das Projekt der Firma Sowitec gibt es ja noch gar nicht. Der Naturschutz muss erst noch begutachtet werden. Ob ein Rotmilan-Horst in der Region wieder belegt sei, gelte es zu klären, heißt es. Und sollte dieser Horst, dieses Nest, von den Vögeln wieder genutzt werden, dann wird es vielleicht eh nichts mit den sich drehenden Rädern am Albtrauf. Was aber schade wäre. Sehr schade. Denn der Standort dort wäre windtechnisch günstig. Und immerhin könnte man mit dem erzeugten Strom den Bedarf aller privaten Haushalte der umliegenden Gemeinden Sonnenbühl, Lichtenstein und Engstingen decken. Das wär doch was. Wahnsinn wäre das. Und ganz ohne Feinstaub, Stickstoffdioxid und sonstigen Dreck.