Die Reutlinger Bevölkerung fremdelt noch sehr mit den neuen Fahrradstraßen. Jedenfalls sind Schüler, Eltern und Anwohner mehr als nur verwirrt. Sie wollen endlich wissen, welche Verkehrsregelungen seit Kurzem in der Bellino- und in der Moltkestraße denn nun gelten. Hinzu kommt der Vorwurf, dass die Stadt das Projekt nur unvollständig umgesetzt habe. Das sagt jedenfalls eine Gruppe, die sich den Namen »Eltern für radelnde Schüler« (Efrs) gegeben hat. Blaue Linien, teils auch schlangenförmig, markieren den Bereich, in dem Radfahrer jetzt Vorfahrt haben, auch nebeneinander fahren dürfen. Eine dicke, blaue Markierung auf der Straße signalisiert, wo das Eldorado für die Velo-Fahrer beginnt.
So weit, so bunt. Für Efrs und Anwohner sei das Vorhaben jedoch nur halbherzig umgesetzt worden. Vor allem könnten Autofahrer aber inspiriert werden, auf der mittlerweile sehr breiten Betonpiste Bellinostraße wieder erst recht Gas zu geben. So habe die Stadt dort ohne Not um die 20 Parkplätze für Autos gestrichen. Richtig gelesen: Das kommt aus dem Mund von Radlern. Denn die halten die Straße jetzt einfach für zu breit.
Marco Wolz, Sprecher von Efrs, verweist auf den im Oktober 2017 im Bauausschuss einstimmig für gut geheißenen Antrag von CDU und Grünen. Demnach sollen die Zufahrten zu den Schulen Johannes-Kepler-Gymnasium, Freie Georgenschule und Eichendorff-Realschule als Fahrradstraßen ausgewiesen werden; und zwar noch 2017. Es ging dabei zunächst um die Moltkestraße und um die Bellinostraße (zwischen Werastraße und Pomologie).

Die Kreuzung mit der Ringelbachstraße soll laut Beschluss ampelgesichert sein mit einem Anforderungsschalter rund 100 Meter vor der Kreuzung. Die Hindenburgstraße soll wie die anderen Querstraßen als Fahrradstraße überquert werden. Und dann ist da noch der Punkt vier, wo es heißt: »Die Verwaltung informiert mit einer Veranstaltung und geeigneten und geeigneten Medien über die neuen Fahrradstraßen und deren Regeln«. Denn noch ist das verkehrliches Neuland. Silke Ebering von Efrs ärgert sich und bekommt kopfnickenden Zuspruch aus der Runde: »In Sachen Kommunikation ist es ja nicht neu, dass es von Seiten dieser Stadt keine Infos gibt!« Sabina Rieger aus der Payerstraße beklagt, dass sie mangels Infos zur Radler-Bellinostraße ihren beiden Kindern (12 und 16) auch keine Tipps geben konnte. Wenigsten das große Banner »Fahrradstraße« hätte über der Straße angebracht werden können. »Doch so haben wir hier quasi eine Autobahn«, so Wolz.
Auf Anfrage teilte eine Sprecherin der Stadt mit, dass es im November doch noch eine Info-Veranstaltung geben werde. Der Bauauschuss werde sich heute, 11. Oktober, unter anderem auch mit den Fahrradstraßen beschäftigen. Das habe Wolz telefonisch vom Leiter des Amts für Tiefbau, Grünflächen und Umwelt Arno Valin erfahren. Valin fügt hinzu: »Die Kritik ist berechtigt« Deshalb gibt’s am 5. November eine Veranstaltung in Sachen Fahrradwege und die Regeln, die dort gelten. Für die Initiative »Eltern für radelnde Schüler« und die Anwohner liegt derweil noch vieles im Argen. Vor allem, so Marco Wolz, gebe es weiter zu viele Gefahrenpunkte. Auf der Bellinostraße benötige man, wie beschlossen, vorgezogene Anforderungsdrücker zur sicheren Querung der Ringelbachstraße. Dort endet die Fahrradstraße abrupt. Außerdem wurde nichts aus der sicheren und bevorrechtigten Querung der Hindenburgstraße am anderen Ende. 

Unisono sind die Efrs-Leute der Auffassung, dass die technische Umsetzung bei der Bellino- und der Moltkestraße mangelhaft gewesen sei. Und Bruno Weber, der seit 51 Jahren in der Moltkestraße wohnt, konstatiert: »Da wurde halt etwas auf die Schnelle gemacht – und jetzt fahren hier die Radler kreuz und quer!« Und so hat die Stadt buchstäblich noch jede Menge Baustellen vor sich. Denn die Wunschliste der Eltern-Initiative ist groß –aber auch vollkommen nachvollziehbar, wenn man das Ganze im Blick hat. Die Eltern fordern sichere Wege für Radler unter anderem auch durchgängig von der Oststadt bis zum Freibad und von der Römerschanze bis zum Hallenbad, sowie von Eningen bis zur Eishalle.