Kein »Quantum Trost«, wie bei James Bond, sondern als »Ein Quantum Frust« müsste aktuell der Titel heißen. Was derzeit im Britischen Parlament abgeht ist schlicht und ergreifend filmreif. Allerdings wird dort kein Film gedreht, sondern es geht schlicht um die Zukunft Großbritanniens (GB). Dabei können viele von uns das Gezerre um den Brexit schon lange nicht mehr hören. Die »Never Ending Story« hat mittlerweile ein Niveau erreicht, welches einer Provinzposse gleich kommt. Doch für all jene, die wirtschaftliche Beziehungen dorthin pflegen, sieht es ein wenig anders aus. Was ist eigentlich mit den Handelsbeziehungen zwischen GB und der hiesigen Region nach dem bevorstehenden Brexit Ende März? Immerhin haben rund 400 Unternehmen aus dem IHK-Bezirk Reutlingen, Tübingen und Zollernalb regelmäßige Handelskontakte mit den Briten. »Knapp 50 Betriebe hier aus der Region haben sogar vor Ort eine Niederlassung oder eine Tochterfirma«, betont Martin Fahling als Bereichsleiter International bei der Reutlinger Industrie- und Handelskammer. Und wie geht es weiter, nachdem das britische Parlament vergangene Woche einen »geregelten Austritt« aus der EU mit gewaltiger Mehrheit abgelehnt hat? 

Klar ist im Moment immer noch, dass nichts klar ist. Grundsätzlich könnte man natürlich die Frage stellen, warum eine Mehrheit des Insel-Volks auf solche Populisten wie Boris Johnson reingefallen ist. Der Politiker mit der markant-blonden Struwelfrisur behauptet auch heute noch, dass die Mitgliedschaft in der Europäischen Union den Briten nur Nachteile bringe – ein Austritt wäre quasi die Wunderheilung allen Übels, so sein Credo. Dass dem nicht so sein wird, das war den Einwohnern der Ortschaft Llanfairpwllgwyngyllgo-gerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch (mit dem längsten Ortsnamen Europas) auf der walisischen Insel Anglesey womöglich schon lange klar.

Anderen Briten aber offensichtlich nicht, wie aktuelle Meinungsumfragen in Großbritannien zeigen: Ein weiteres Votum zur Frage »EU-Austritt oder nicht« wäre wohl erneut eine ganz knappe Angelegenheit. Doch zurück zu den hiesigen Firmen und Unternehmen: Die Unsicherheit über die zukünftigen Handelsbeziehungen mit Großbritannien treibt die Region um, wie Martin Fahling betont. Nach einer Spitze an Anfragen an die IHK gleich nach dem Brexit-Votum habe der Informationsbedarf nun wieder stark zugenommen, betont der Fachmann. Und er legt eindrückliche Zahlen vor: Im Vergleich der Jahreszeiträume zwischen Januar und Oktober in den Jahren 2015 und 2018 (also nach dem Brexit-Votum) seien die baden-württembergischen Warenlieferungen auf die britischen Inseln um insgesamt 32 Prozent zurückgegangen.

Allerdings, so Fahling, wurde dieser Absturz durch andere Handelsbeziehungen mehr als wettgemacht. »Es gab in der Region in den zurückliegenden Jahren ein deutliches Export-Wachstum«, so der internationale IHK-Spezialist. »Die gesamte Exportquote wurde hier um 20 Prozent gesteigert.« Und das vor allem durch den Export in andere Länder wie China und USA. Ob das alles so bleiben wird, sei laut Fahling fraglich. »Die Konjunktur kühlt sich auch in China ab, mit den Vereinigten Staaten läuft es momentan gut, das ist aber politisch schwierig.« Wie geht’s nun weiter, sollte der ungeregelte Brexit kommen? Naja, meint Martin Fahling. Die Arbeitnehmerfreizügigkeit würde dann wegfallen. Einfach so nach England gehen und sich dort eine Arbeit suchen, wäre dann nicht mehr möglich. »Womöglich käme es sogar zu einer Visumpflicht – was ja gar nicht mehr vorstellbar wäre.« Und auch im Warenverkehr wird sich wohl der bürokratische Aufwand deutlich erhöhen. Grundsätzlich gebe es laut Fahling drei Szenarien: Entweder die Handelsbeziehungen mit GB würden sich denen mit der Schweiz annähern, ohne Zölle. »Das wäre der beste Fall.« Handel wie mit Norwegen mit leichten oder wie mit der Türkei mit etwas höheren Zollgebühren wäre auch denkbar, aber nicht mehr ganz so toll. Ohne jegliche Vereinbarungen zum künftigen Warenverkehr als schlechteste Variante wäre wohl den Beziehungen mit China vergleichbar, so Fahling.

Allerdings seien die Wirtschaftsbeziehungen zu Großbritannien ja nicht alles, die Zusammenarbeit in der Forschung etwa würde zudem erschwert.
»Womöglich wäre das Steuerrecht in Großbritannien nicht mehr von europäischer Solidarität getragen.« Die Mehrwertsteuer in den britischen Ländern würde wohl nach oben gehen, die Waren sich dort verteuern. Die hiesige Region sei allerdings mit einem Exportanteil von 54 Prozent stark vom Außenhandel abhängig. Viel schlimmer als die Verluste mit Großbritannien wäre deshalb ein Handelsstreit mit den USA, betont Martin Fahling. Denn da stünden zehn bis 30 Prozent des Umsatzes der Firmen in der Region auf der Kippe.