Bei der finalen Entscheidung, wer neuer Oberbürgermeister von Reutlingen wird, von einem Wahl-Krimi zu sprechen, wäre gnadenlos untertrieben. Wer sich nämlich am vergangenen Sonntagabend ins Rathausfoyer begeben hatte und in der Menschenmenge von rund 500 Interessierten mitfieberte, der fühlte sich zeitweise eher wie in einer Handballarena. Die Stimmung wogte bei extremer Anspannung hin und her, auf und ab. Während jedoch sowohl Dr. Carl-Gustav Kalbfell und Dr. Christian Schneider in Erwartung des Endergebnisses weiterhin ihr Wahlkampflächeln präsentierten, wirkte Thomas Keck extrem angespannt nach dem offensichtlich anstrengenden Wahlkampf – und damit wirkte Keck auch sehr authentisch.

Bis das Endresultat feststand mussten die Kandidaten wie auch ihre Wähler wahre Wellenbäder der Emotionen durchleben. Bis auf Kalbfell und seine Anhänger: Der FDP-Kandidat lag schon zu Beginn bei der ersten Hochrechnung mit 20 von 87 ausgezählten Wahlbezirken knapp über 16 Prozent, die ihn gewählt hatten – was sich bis zum Schluss kaum mehr ändern sollte. Lauter Jubel brandete hingegen auf, als die erste Zahl für Keck auf der Leinwand zu sehen war: 45,4 Prozent Zustimmung für ihn, während Schneider um 18 Uhr 20 bei 38,1 Prozent lag. Doch Keck wiegelte ab, versuchte die Begeisterung zu dämpfen. Schließlich sei noch alles offen. Und so war es auch: Schneider holte Stück für Stück auf, nach 51 ausgezählten Bezirken ging er sogar in Führung, mit 41,1 gegen 40,9 Prozent. Nun wurde Jubel bei den CDU-Anhängern laut. »Ist Betzingen schon ausgezählt«, fragten hingegen die Keck-Anhänger besorgt. Nach 52 Bezirken kam es zum Gleichstand, beide Kandidaten lagen bei 41,0 Prozent. Dann zeigte die Leinwand 41,6 Prozent für Schneider, 40,3 für Keck. Alles verloren für den SPD-Kämpfer? Doch die Wende kam, Keck holte wieder auf, überholte sogar bei 65 Wahlbezirken, aber mit einem Vorsprung von gerade mal 0,3 Prozent. Wahnsinn. »Eine Nervenschlacht«, rief jemand. »Das ist der Hammer«, meinte einer aus der anwesenden riesigen Reporterschar. 

»Und was wäre, wenn beide gleich viel Stimmen erhielten«, stand als Frage im Raum. »Es würde ausgelost«, sagte jemand. Doch »wäre, wäre – Fahrradkette«, wie schon der große Fußball-Philosoph Lothar Matthäus zu sagen pflegte. Es kam anders. Kecks Vorsprung wurde größer, stand bei 71 ausgezählten Wahlbezirken bei 41,5 gegenüber 40,7 Prozent, schmolz wieder und blieb dann bei 86 Wahlbezirken bei 41,2 zu 40,8 Prozent stehen. Ein Bezirk fehlte noch. Und die Anspannung nahm noch weiter zu, denn – die Minuten verrannen und nichts passierte. Ein paar Mal flackerte der Bildschirm, doch der letzte Wahlbezirk ließ auf sich warten. Mehr als eine Viertelstunde lang. Da wurden nicht nur die Arme der Fotografen lahm, die verzweifelt ihre Kamera in die Höhe hoben, um die Emotionen beim Endergebnis einzufangen. Als schließlich die SPD-Anhänger jubelten, schaute der neue OB Thomas Keck noch sekundenlang ungläubig auf die Leinwand. 41,1 Prozent für ihn, 40,8 für Schneider. Die Anspannung wollte bei Thomas Keck offensichtlich nicht auf einen Schlag weichen, der laute, andauernde Jubel musste ihn erst daran erinnern, dass er dieses dramatische, nervenaufreibende Rennen gewonnen hatte. »Das kostet mich mit Sicherheit zwei Jahre meines Lebens«, sagte er kurz darauf. Die Temperaturen im Rathaus-Foyer waren währenddessen auf gefühlte Sauna-Hitze angestiegen.

Als erster Gratulant kam der Unterlegene, Christian Schneider: »Mit nur 72 Stimmen Unterschied aus dieser Wahl herauszugehen, da kann ich nicht wirklich viel falsch gemacht haben«, so sein Fazit. Verloren hat er trotzdem. Genauso wie Kalbfell. Der sich aber auch nicht wirklich als Verlierer fühlen wollte. Und es ja dennoch ist. Barbara Bosch lobte alle Kandidaten, die mit großem Einsatz für eine demokratische Wahl gesorgt hatten. Nun muss Keck zeigen, dass er es wirklich kann. Oberbürgermeister. »Ich weiß, es werden anstrengende acht Jahre«, sagte er am Wahlabend. Zusätzliche Sympathiepunkte sammelte er, als er anfügte: »Ich wäre ja gar nicht in den Ring gestiegen, wenn Barbara Bosch erneut kandidiert hätte.« Die Spuren, die von der bisherigen OB gelegt wurden, seien riesengroß. Beschämend ist aber, was fast 60 Prozent der Reutlinger Wahlberechtigten mit ihrer Wahlverweigerung ausgedrückt haben: Dass ihnen die Kommunalpolitik völlig Wurscht ist. Bleibt zu hoffen, dass das bei den Kommunalwahlen Ende Mai nicht genauso aussieht.