Du sitzt vor dem Fernseher und kriegst das Maul nicht mehr zu. In der Kiste flimmert die Tagesschau mit tagesschaurigen Nachrichten. »Jeden dritten Tag wird eine Frau durch häusliche Gewalt getötet.« »Was?«  Es vergeht – rein statistisch gesehen – keine Stunde in der nicht mindestens eine Frau häusliche Gewalt erleidet. »Was?« Diese Zahlen stellte Bundesfamilienministerin Giffey jüngst vor. Du sitzt dabei vor dem Fernseher und kriegst das Maul nicht mehr zu. Die Gedanken kreisen bis zum Schwindel. 
Die Zahlen sind kalt und nüchtern, und explodieren mit einem Riesenknall. »Was sind das für Männer?« Schießt Dir durch den Kopf. »Das sind doch keine Männer«. Was ist das für eine Zeit? Der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen bringt einen dunklen Teil davon, selten beleuchtet, für eine Millisekunde ans Licht der Öffentlichkeit. Politik und Medien verstecken diese Tatsachen hinter dem verniedlichenden Begriff »Familienstreitigkeiten« oder Ehedrama. 
Die Explosion im Kopf hat Folgen. Wie sieht das bei uns aus – im biederen, verschlafenen Reutlingen? Wir haben uns mit der Leiterin des Frauenhauses und dem Sozialdezernenten des Landkreises Reutlingen zusammengesetzt und ihre Erfahrungen angehört. 
Ein Artikel reicht nicht um alles darzustellen. Die Erkenntnis: Hinter der friedlichen Fassade herrschen auch hier Demütigung und Beleidigung von Frauen, Gewalt, Missgunst, Neid und Gier. 
Deshalb braucht es Zufluchtsorte für Misshandelte oder Gewaltopfer. Hier finden sie Aufnahme. 2018 fanden im Reutlinger Frauenhaus, übrigens das älteste in Baden-Württemberg (ist das ein Kompliment?), und in der anonymen Zufluchtswohnung 51 Frauen mit 65 Kindern eine vorübergehende Bleibe, bekamen begleitende Hilfe – aber vor allem auch Vertrauen. Hinzu kommen insgesamt 519 Beratungsgespräche des Frauenzentrums – telefonisch, per E-Mail oder ambulant. Das was die Betroffenen im Alltag erlebt haben, ist körperliche, sexuelle und psychische Gewalt, Männer, die ihnen das Geld entziehen oder erst gar nicht geben, ständige Kontrolle, täglich Geschrei, Bedrohung, Stress, Streit um Kleinigkeiten, wie »Du bist nichts, Du brauchst nichts. Du bekommst alles von mir.« Ohne Geld kein eigenständiges Leben. Keine Würde. Alltägliche Konflikte entwickeln sich zu Zeitbomben. 
Der Weg ins Frauenhaus ist ein weiter und dieses Hemmnis möchte Irene Köpf abbauen. »Manche Frauen sagen sich wirklich, das muss ich aushalten. Andere ertragen es.« Die Gewalt aber nimmt nicht ab. »Es geht immer um Macht und Kontrolle. Wenn diese entgleitet, weil eine Frau einfache Dinge wie eigenes Geld fordert, dann folgt Gewalt.« Frauen, die zehn bis fünfzehn Jahre häusliche Gewalt hinter sich haben, sind erschöpft und mutlos. Das Frauenhaus ist das Ende der Fahnenstange. Wer hierher kommt, hat schon viel durchgemacht, sagt Irene Köpf. Sie bietet in der Fachberatungsstelle für die schwer belasteten Frauen psychosoziale und rechtliche Beratung an, ermuntert immer wieder im Gespräch Frauen dazu, sich von ihrem gewalttätigen Partner zu lösen. Der Aufenthalt im Frauenhaus ist der erste Schritt. Ein Drittel bleibt eine Woche, ein Drittel etwa bis zu drei Monate, einzelne bis zu einem Jahr. Oft versuchen die Frauen im familiären Umfeld einen Ausweg zu finden. »Die Erfahrung zeigt, dass das nicht die beste Lösung ist«, sagt Köpf. Wer jetzt denkt, diese Probleme hätten nur sozial schwache oder mit niedrigem Bildungsstand, der irrt. »Es zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten.« Der Unterschied liegt nicht im Charakter der Gewalt. Besser Betuchte gehen in die Beratung und anschließend ins Hotel. »Je höher die soziale Schicht, umso bösartiger die Auseinandersetzung«, so Köpf. 
Macht dann diese Nachricht von Giffey Hoffnung, wonach der Bund bis 2023 120 Millionen Euro für Aus-, Um- oder Neubau für Frauenhäuser und Beratungsstellen zur Verfügung stellt. Hört sich gewaltig an. Ein Grund zur Freude? Nicht mal ein gequältes Lächeln ist in die Gesichter von Irene Köpf, Sabine Lommel oder auch dem Sozialdezernent des Landkreises Reutlingen, Andreas Bauer gezeichnet. Schließlich ist der Beschluss die Folge der Istanbul-Convention, einem rechtlich bindenden Menschenrechtsinstrument des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Sie verpflichtet die Staaten zum Handeln. In der Region, so erläutert der Sozialdezernent, sei der Landkreis schon weiter als der Bund. Seit vier Jahren gibt es einen runden Tisch, der sich diesen Themen annimmt. Der Sozialdezernent rechnet vor: da bleiben am Ende 40 bis 45 000 Euro übrig für jedes Frauenhaus in vier Jahren. 
Was kann man mit dem Geld schon anfangen? Es ist ja nicht nichts. Irene Köpf und ihr Team müssen jedes Jahr rund zehn Prozent des Frauenhaus-Etats, etwa 40 000 Euro, über Eigenmittel finanzieren müssen:  Spenden, Mitgliedsbeiträge und Bußgelder der Gerichte. Sie können mit wenig viel anfangen. Sie bleiben auf dem Boden. Und wissen doch, was sie wollen. Es ist ja vor Weihnachten. Wenn jetzt eine Fee ins Frauenhaus kommt und sie einen Wunsch freihätten: Wie lautete der? Irene Köpf zögert keinen Moment. Dass der Landkreis ihnen ein ehemaliges Hotel mit etwa 20 Zimmern zur Verfügung stellt, in dem die Grundausstattung für ein vernünftiges würdiges Leben gegeben ist. Dass ihre Arbeit Wirkung zeigt, das verdeutlicht ein Beispiel, das wunderbar in die Weihnachtszeit passt. Im November erhielt die Leiterin des Frauenhauses eine E-Mail. Darin bekundet ein Mann seine Bereitschaft für eine Spende an das Frauenhaus. Warum? Er selbst sei in den 1980 Jahren als 8-jähriges Kind mit seiner Mutter hier gewesen und schreibt: »Es war eine gute Zeit im Frauenhaus.« Irene Köpf konnte sich an ihn erinnern, so wie er sich erinnert hat. Die Ankündigung hat die Leiterin emotional berührt. »Unglaublich«, findet sie das und freut sich still. »Das zeigt wunderbar, was es bedeutet, wenn man Kinder ernst nimmt.«  Fortsetzung folgt. 

Kontaktaufnahme zum Frauenhaus oder zur Fachberatungsstelle: Telefon 07121 – 300 778

Spende: 
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