Von der neuen Röhre ins Nadelöhr Unterhausen: 20 Ampeln weniger und drei Kilometer – statt fünf durch die Stadt – bis in den Reutlinger Nordosten: »Reutlingen atmet auf« titelten Medien zur Eröffnung des Scheibengipgfeltunnels. Was zu beweisen sein wird. Die von Feinstaub und anderem Verkehrsdreck geplagten Achalmstädter haben nun ihre vor 50 Jahren schon ins Auge gefasste – und in acht Jahren für 135 Millionen Euro gebaute Röhre. Der Tunnel soll um die 20 000 Fahrzeuge aus der City fernhalten. Dort, wo am AOK-Knoten bislang um die 70 000 Autos unterwegs waren. Doch was bedeutet das für den Verkehr, der vom Sondelfinger Efeu in den 1,9 Kilometer langen Tunnel in Richtung Süden fährt? Der bleibt zu Stoßzeiten spätestens am Ende des Pfullinger Ursulabergtunnels hängen, absolviert so gegen 18 Uhr ein unerquickliches Stop-and-go – gefolgt von Tempo 30 auf zwei Kilometern Unterhausen; aus Lärmschutzgründen. Trotz des Ärgers bei vielen Autofahrern: Das hatten die jahrzehntelang geplagten Anwohner auch wirklich verdient. 


Einen Spatenstich für den bereits vor über 60 Jahren angedachten »neuen« Albaufstieg kann es jedoch frühestens in etwa 15 Jahren geben. Immerhin hat dieses Projekt dank des »Bundesverkehrswegeplans 2030« nun das Planungsrecht. Das beschäftigt natürlich die Bürgerinitiative »Wir sind Lichtenstein«. Und weil deren Leute stets bestimmt aber sittsam auftreten, nicht etwa auf Krawall gebürstet sind, bekamen deren Aktivisten bei der feierlichen Reutlinger Zeremonie ganz vorne am Tunnelportal-Süd einen recht guten Platz für ihren Auftritt zugewiesen.


»Jetzt muss der Albaufstieg kommen«, stand auf den Transparenten aus lange haltbarem Aluminium. Was Verkehrsminister Winfried Hermann zum Ärger von Initiativen-Sprecher Werner Neubrander kommentiert haben soll mit den Worten: »Gut, dass die Tafeln aus Metall sind, Sie werden diese bestimmt noch öfter benötigen«. Doch böse gemeint war das wohl nicht. Hermann setzte sich bei der Erarbeitung des »Wunschzettels« für Berlin sehr wohl für den Lichtensteiner Albaufstieg ein – weiß aber ebenso um die Planungsengpässe.  Das Anliegen der Bürgerinitiative ist zudem auch das der gesamten Region: Was nutzt dem Durchfahrtsverkehr der schönste Tunnel an Reutlingen vorbei, wenn dahinter ein Nadelöhr folgt? Dumm ist nämlich, dass das Regierungspräsidium Tübingen angesichts der Fülle an genehmigten Straßenbau-Vorhaben nicht genügend Experten für den Beginn der langwierigen Planungsschritte hat. Auf der ausgewiesenen Hauptentwicklungs-Achse zwischen Reutlingen und dem Bodensee wird sich daher auf absehbare Zeit leider nichts tun. Knapp zehn Milliarden Euro bekommt Baden-Württemberg von Berlin bis zum Jahr 2030, um laufende oder prioritär freigegebene Projekte zu realisieren. Na, dann plant mal schön! Ob die Schubladen in den Behörden groß genug sind, um all das zu verstauen, muss bezweifelt werden. Außerdem fehlt ja auch Reutlingen noch ein wichtiger Baustein – im wahrsten Sinne des Wortes: Wer Scheibengipfeltunnel sagt, muss auch »Dietwegtrasse« sagen. 


»Die Fertigstellung des Tunnels ist ein Glücksfall für die Luftreinhaltung vor Ort«, frohlockte das Verkehrsministerium. Wohl wahr. Aber die Dietwegtrasse, wegen ihrer Nähe zu Wohngebieten allerdings weiter heftig umstritten, würde auf 2,5 Kilometern Länge vom Nordosten Reutlingens ( B28, Efeuknoten Sondelfingen) bis zur B 464 nahe Orschel-Hagen-Südwest) führen – und wäre damit ein praktischer B27-Zubringer. Auch dieses Projekt bekam aus Berlin unlängst den Adelsschlag »vordringlicher Bedarf«, steckt aber ebenfalls im Planungsstau. Ein weiteres Problem bleiben die Verkehrsmengen zwischen Südbahnhof (Pfullingen), dem Echazufer folgend – bis zum AOK-Knoten nahe der Stadthalle. Dort wird es weiter viel an hausgemachtem Ziel- und Quellverkehr geben. Und die Bewohner der Reutlinger Oststadt erwarten mit Spannung, was ihnen angeboten wird, um dem unsäglichen »Abkürzungsverkehr« dort den Riegel vorzuschieben. Der Tunnel ist da, doch auf die Politik warten noch viele andere Baustellen.