Sommerzeit, Eiszeit. Ganz klar. Mich persönlich packt da ein bissel das Fernweh: Erinnerungen werden wach. Ach wie war das damals schön, mit der Isetta übern Brenner Richtung Italien. Urlaub am Meer. La Dolce Vita eben. Dazu gehört auch, bei strahlend blauem Himmel in einem schnuckeligen Café zu sitzen, inmitten einer italienischen Kleinstadt und Eis »schlotzen«: Weltklasse! 

Zugegeben, wie das Eis am anderen Ende der Welt schmeckt, weiß ich natürlich nicht, aber das macht ja auch nichts. Für mich können die Italiener, neben Fußballspielen, Rennautos und schicke »Mopeds« bauen, auch weltmeisterlich Eis herstellen. Basta! Geheime Rezepte nach alter Familientradition werden natürlich nicht an die große Glocke gehängt. Daran halten sich auch die meisten Gelati-Künstler hierzulande. Und sie legten Erfindergeist an den Tag. Denn kaum einer im Ländle hatte je zuvor ein Spaghettieis gesehen. Dabei feiert diese ganz besondere Kreation »Made in Italia« dieses Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Ob in Tübingen, Reutlingen, Metzingen oder auf der Alb – jeder, der zu Besuch beim »Italiener um die Ecke« ist – kennt es. Mein erstes Spaghettieis versetzte mich in Staunen, sieht doch der Berg bestehend aus Sahne, Vanilleeis, Erdbeersoße und weißen Schokoraspeln einem echten Spaghetti-Tomatensoße-Parmesan-Gericht ziemlich ähnlich.»Eine Eisdiele ohne Spaghettieis ist wie eine Apotheke ohne Tabletten«
Doch wer kam eigentlich auf die Idee? Der Legende nach war einer der Gelato-Tüftler der Mannheimer Eisdielenbesitzer Dario Fontanella. Einst als Gastarbeiter zu uns gekommen, soll er angeblich 1969 in Anlehnung an die Süßspeise Montebianco das Spaghettieis erfunden haben –  mittels »präparierter« Spätzlespresse.   Ein Patent darauf gibt es aber leider – oder besser gesagt »Gott sei Dank« – nicht. So sind die vielen Anbieter die Nutznießer. Denn wenn das Ganze patentiert gewesen wäre, gäbe es den Klassiker möglicherweise nicht überall. 

Aber mögen auch die jungen Leute die durchgedrückten Vanille-Bändel, die heute übrigens meist maschinell auf den Teller respektive in die Schüssel kommen, überhaupt noch? 
Aus Tübingen gab«s auf Anfrage keinen Rückruf – also wenig Interesse. In Metzingen stieß ich auf offene Ohren. Roberto Giacomini, dessen Familie bereits seit 1961 hier ist, erzählt stolz, wie beliebt das Eis ist. Mittlerweile hat er neben Spaghetti Classico zwölf weitere verschiedene Sorten im Angebot – von Nutella und Kiwi bis zu Carbonara. Seine Frau Stefania ist richtig froh, dass es kein Patent auf die einstige Erfindung gibt. Sonst wäre die Eiskarte um einige Leckereien ärmer. Recht hat sie. 
In Reutlingen hingegen sieht es ein wenig anders aus. Auf Nachfrage in einer alt-eingesessenen Gelateria meinte deren Besitzer, dass es alles eine große Lüge sei. Man könne sich doch nicht aufs Internet verlassen und einen Mann aus Mannheim hier in Reutlingen als Helden feiern. Denn schließlich habe seine Großmutter schon vor vielen, vielen Jahrzehnten die Spaghetti-Variante eingeführt. Namentlich genannt werden wollte der gute Mann nicht. Ok, dachte ich mir und rief Vanessa Miraval, die erst im März ihre Eisdiele im ehemaligen Hubi’s eröffnet hat, an. Leider war die junge Frau nicht erreichbar. Also versuchte ich, ihren Vater Danilo in Ulm zu erreichen. Der sei zurzeit in Italien, sagte eine freundliche Stimme am Telefon. Dafür gab sie mir den Chef der Ulmer Gelateria. »Selbstverständlich bieten wir den Klassiker an«, sagt Bucciol Steven. »Eine Eisdiele ohne Spaghettieis ist wie eine Apotheke ohne Tabletten«. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen!