»Das gibt einen Verteilungskampf Kampf auf Biegen und Brechen!« Hans-Joachim Neveling, der Pionier und Grandseigneur der Hotellerie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um das nun beschlossene »Parkhotel« gegenüber der Reutlinger Stadthalle geht. 32 Stadträte stimmten für einen Erbbaurechtvertrags mit dem Pforzheimer Investor Wolfgang Scheidtweiler, vier votierten dagegen. 
Das 15-stöckige Gebäude unweit des neuen GWG-Turms soll die Lücke im Südwesten der Stadthalle schließen, dort, wo heute noch ein Parkplatz ist. Für das Vorhaben musste ein neuer Bebauungsplan her, weil der etwa 50 Meter hohe Turm die einst festgelegte Höhe von 21 Meter nun deutlich überschreitet.
Was den 75-jährigen Neveling, der 1964 das damals neue Hotel Ernst am Leonhardsplatz von seinem Vater Otto übernahm, besonders ärgert, sei der Umstand, dass es in Sachen Stadthallen-Hotel keine redliche und ordentliche Bedarfsanalyse gegeben habe. Neveling, dem mehrere Übernachtungsbetriebe gehören, ist sauer: »Da lief auch eine ganze Menge heimlich durch«, so seine Kritik an der Stadt.

Seine Rechnung: Mittelfristig mindestens 240 Zimmer mehr in Reutlingen, plus 200 in Metzingen und um die 100 in Eningen verkrafte die Hotellerie einfach nicht. Bereits im April hatte Neveling dem Aufsichtsrats der Stadtmarketing und Tourismus Reutlingen (StaRT) schriftlich mitgeteilt, dass er mit Blick auf die geplanten Hotelneubauten in Reutlingen und der Umgebung »eine Bedrohung der Existenz« für alle sehe, besonders die kleineren Einrichtungen.
Ist doch klar, könnten die Leute nun denken, dass Neveling hier aus purem Eigennutz dagegenschießt, schließlich betreibt er die beiden Fortuna-Hotels in Reutlingen - und die würden am Ende auch Gäste verlieren. Aber so einfach hat es sich Neveling nicht gemacht. Der Grandseigneur der Beherbergungsbranche, seit 54 Jahren ist er im Geschäft, rechnet als Kaufmann die Dinge durch - und bewertet ganz nüchtern die Situation hinsichtlich der Attraktivität der Stadt Reutlingen allgemein.

»Reutlingen ist nunmal keine Touristenstadt« wie Tübingen oder Metzingen - mit seinem weltweit bekannten Fabrikverkauf, das konstatiert Neveling ganz zurecht. In der Ferienzeit jedenfalls leide das Reutlinger Hotelgewerbe sehr. Besucher der Schwäbischen Alb übernachten auch dort. Zumal die Vermarktung des Produkts »Schwäbische Alb« von Jahr zu Jahr professioneller wird. Sicherlich: Finanziell profitiert die Stadt Reutlingen beim Bau des Stadthallen-Hotels, die meisten Risiken liegen beim Investor. Gleichwohl gibt es in der Stadt viel Kritik an der schieren Größe des Turms - von immerhin 50 Metern Höhe. Der »ruinöse Verdrängungswettbewerb« werde auch dadurch befördert, dass, so Neveling, »nahe der Messe Stuttgart in den nächsten zwei Jahren 4000 neue Hotelzimmer entstehen«. Und wo er recht hat, hat er recht. Reutlingen ist keine klassische Kongress-Stadt. Die Musik spielt auf den Fildern, wo auch die Infrastruktur exzellent ist.

Am vergangenen Freitag hatten Hans-Joachim Neveling und Fritz Engelhardt, der Landes-Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands DEHOGA erneut ein Gespräch mit Reutlingens Finanzbürgermeister Alexander Kreher. Der Pfullinger Engelhardt, ihm gehört dort das gleichnamige Hotel, ist sich mit Neveling einig: Sie wollen »nicht als Projekt-Verhinderer auftreten«, so Neveling. Ja, man stelle sich dem Wettbewerb. »Konkurrenz belebt das Geschäft, dazu stehen wir. Aber diese Gigantomanie schadet allen«, empört sich der DEHOGA-Chef. Sowohl die aktuelle wie mittelfristige Bedarfsanalyse spreche gegen das Hotelprojekt. »Außerdem ist die Stadthalle doch ein Musiktempel - und eben keine Kongresshalle«, so Engelhardts Analyse. Auf Nachfrage ließ Engelhardt wissen, dass er und Neveling beim Gespräch mit Kreher vor allem Wert darauf gelegt hatten, »dass wir in Reutlingen vor allem den Tourismus voranbringen müssen«, so Engelhardt.