Die Meldungen über die Zustände der Tafel in Essen schlugen hohe Wellen. Die Betreiber nahmen seit Mitte Januar keine Ausländer mehr als »Neukunden« an. Sie begründeten den Schritt damit, dass sich ältere Menschen und alleinerziehende Mütter von den vielen fremdsprachigen jungen Männern, zumeist aus Nordafrika, abgeschreckt und bedrängt fühlen.


Die hauptsächlich alleinstehenden Jugendlichen und Erwachsenen wissen, dass sie nach deutschem Asylrecht kaum Chancen haben, bleiben zu dürfen. Ihre politische Verfolgung im Herkunftsland wird bezweifelt. Entsprechend wenig sind sie an Integration interessiert. In ihrer Perspektivlosigkeit verhalten sich viele von ihnen aggressiv. Die Lage hat sich in den letzten Tagen jedoch etwas entspannt. Die Tafeln sind eine segensreiche Einrichtung, die armen Menschen zu symbolischen, also sehr niedrigen Preisen, Lebensmittel anbieten. Ehrenamtliche holen Brot, Milchprodukte, Früchte und Gemüse, die einwandfrei sind, aber kurz vor dem Haltbarkeitsdatum stehen, in Supermärkten und Discountern ab. Hinzu kommen andere Artikel des täglichen Bedarfs. In Reutlingen sind die Tafel-Mitarbeiter Tag für Tag mit drei Autos unterwegs. 


Das ist bürgerschaftliches Engagement, das die Bevölkerung durch Spenden weiterhin nachhaltig unterstützen sollte - auch wenn es in Reutlingen besser aussieht als in anderen Städten. Die Regale in der Gustav-Wagner-Straße sind gut gefüllt, die Organisation ist vorbildlich. Und im gesamten Landkreis gilt, dass man eine »Kundenkarte« nur nach individueller Prüfung des Einkommens bekommt. Lohn, Rente, Arbeitslosengeld I oder II, Grundsicherung, Unterhalt, sonstige Einkommen und Kindergeld müssen nachgewiesen werden. Dieser Bedürftigkeits-Check ist wichtig und hält mögliche Schnorrer fern.


In Essen war das vom Prinzip her nicht anders, aber es gab Leute, die versuchten, sich weit über ihren Bedarf hinaus mit Tafel-Waren einzudecken. Zoff, Stress und Streit waren damit programmiert. Leute ohne Ellenbogen zogen den Kürzeren, die Verantwortlichen die Notbremse. Und wer, ganz »Gutmensch«, die Essener Verhältnisse wortreich kritisiert, gar von »Rassismus« spricht, hat keine Ahnung von den Verhältnissen vor Ort.


Ein »Verteilungskampf« wie in Essen kann bis in spätestens 15 Jahren aber auch Reutlingen erreichen. Viele Menschen, die heute zwischen 45 und 55 Jahre alt sind, werden zum Zeitpunkt ihrer Pensionierung einen monatlich vierstelligen Rentenbetrag nicht mehr erreichen. Bis zum Jahr 2036 wird laut Statistik etwa jeder Fünfte von Altersarmut betroffen sein. Noch gibt es kein Gerangel in der Reutlinger Tafel. »Wir haben bereits seit zwei Jahren ganz klare Regeln –- und deshalb auch nicht die Sorge, dass Einheimische verdrängt werden«, sagt Günter Klinger. Der Geschäftsführer des Diakonieverbands berichtet, dass man schon während des großen Zustroms der Flüchtlinge im Sommer 2015 eng mit Asylkreisen zusammengearbeitet habe. Diese Kooperation habe sich bewährt. Die Mitarbeiter an den Tafel-Standorten Reutlingen, Bad Urach, Metzingen und Münsingen waren daher gut vorbereitet. Und in der Region gibt es, anders als in NRW, wegen des Verteilerschlüssels für Deutschland, nur wenige junge Burschen aus den Maghreb-Staaten. 


Im Übrigen werde die Ware in den hiesigen Tafeln nur in haushaltsüblichen Mengen abgegeben, so Klinger. Eine fünfköpfige Familie bekomme natürlich mehr als ein Single. Mehr noch: »Frische Produkte müssen natürlich besonders schnell raus«, weiß Klinger. Da seien die Tafel-Mitarbeiter sogar froh, wenn sie einmal mehr herausgeben können. Bis zu 80 Kunden täglich besuchen die Reutlinger Tafel. Rund 50 Ehrenamtliche teilen sich die Arbeit auf. Und wie sieht es aus mit dem sich verstehen – und mit der Verständigung überhaupt? »Wir haben ein deutsch-arabisches Wörterbuch als App aufs Handy geladen«, sagt Monika Ressmann vom Reutlinger Tafel-Laden – und schmunzelt.