»Das ist mein Haus, meine Farbe, Punkt!« Georg Bayer aus Hayingen wollte das »bis zum letzten Gericht durchziehen«, sein schmuckes Anwesen nicht wieder überpinseln, nur um damit den Amtsschimmel mit noch mehr Hafer zu füttern. Im Herbst 2016 hatte der 57-Jährige die Fassade seines Wohn- und Geschäftshauses rot, gelb und orange bemalt.  Doch wo komme man denn hin, wenn Hayingen auch außerhalb der Fasnetszeit Farbe zeigt?, dachte sich der damals frischgebackene Bürgermeister. Bayer sollte sein Häuschen gefälligst mit dezenteren Farben überstreichen. So gibt es im Ländle eine Art »Anti-Verunstaltungsparagrafen«, auf den sich der Verwaltungschef berief. Das Landratsamt Reutlingen sprang dem jungen Stadtoberhaupt bei und führte unter anderem das »bauordnungsrechtliche Rücksichtsnahmegebot« ins Feld. Farbe bekennen, sagte sich Bayer - und ließ sich nicht ins Bockshorn jagen. Eine gehörige Portion Geltungsbewusstsein des jugendlichen Schultes, verbunden mit jeder Menge Ignoranz und Rechthaberei sorgten im Verlaufe des vergangenen Jahres dafür, dass das kleine Hayingen bundesweit Schlagzeilen machte.


Im Kampf David gegen Goliath konnte Georg Bayer dabei ordentlich punkten, bekam Tausende wohlwollender Zuschriften – und er genoss diesen Michael-Kohlhaas-Sympathiebonus sichtlich. Anders als der Desperado in Kleists Roman griff Bayer aber nur zur Waffe des Wortes.  Nun darf er nach einer kürzlich ergangenen Entscheidung des Regierungspräsidiums Tübingen (RP) sein Haus zwar so belassen wie es ist. Aber nur vorläufig. Bei künftigen Neuanstrichen des Gebäudes, so die Behörde, greife allerdings die unlängst vom Hayinger Gemeinderat beschlossene »Gestaltungssatzung«. Mit der wird einem farbenfrohen Stadtbild ein noch härterer Kampf angesagt.  Und das RP führte aus – was wir hier unbedingt im Wortlaut wiedergeben müssen: »Im vorliegenden Fall war darüber zu entscheiden, ob die vom Eigentümer gewählte farbliche Gestaltung nicht an und für sich, sondern bezüglich ihrer Wirkung auf die Umgebung so hässlich ist, dass nicht nur ein das ästhetische Empfinden des Betrachters beeinträchtigender, sondern vielmehr ein verletzender Zustand geschaffen wurde.« So kamen die Tübinger Beamten zu dem Schluss, dass die vom Bürger Bayer »gewählte Gestaltung bezogen auf die Umgebung sehr wohl fremd und störend« sei - aber eben doch nicht so recht verboten. 


Die Geschichte mit dem »Bunten Haus« von Hayingen machte die Runde – weltweit. Wer in der Internet-Suchmaschine Google »Buntes Haus Hayingen« eingibt, erzielt 189 000 Treffer. Die ARD-Satire-Sendung »Extra 3« widmete sich dem Luftkurort auf der Alb mit dem Titel »Realer Irrsinn«. Beige, hellbeige oder mittelbeige müsse der Hausanstrich in Hayingen sein. »Bei fröhlichen Farben aber muss man fragen!«, hieß es. »Der Durchschnittsbetrachter kann dieses Haus tatsächlich als störend empfinden«, gab Hayingens Rathauschef Kevin Dorner zu Protokoll. Und immer wieder machte das Wort von der »Verunstaltung« die Runde.  In der Tat ist dieser so urdeutsche Begriff geeignet, bei anderen Völkern eine Gänsehaut zu erzeugen. Und würde man die baden-württembergische Landesbauordnung auf Schweden oder Norwegen anwenden, müssten dort Hunderttausende der hübschen Häuschen farblich auf sittsam, langweilig und fade zurückgebaut werden.


»Wir brauchen Bürokratie, um unsere Probleme zu lösen. Aber wenn wir sie erst haben, hindert sie uns, das zu tun, wofür wir sie brauchen«. Das hat einst der Soziologe und Gründer der Uni Konstanz, Sir Ralf Dahrendorf (1929 bis 2009) festgestellt. Das sollten sich die Hayinger Hardliner und Anhänger farblicher Tristesse einmal hinter die Ohren schreiben. »Diese kleine Stadt ist ein Begriff für einmalige Natur, unvergessliche Erlebnisse und freundliche Menschen.« So lesen wir es auf der Homepage von Hayingen. Von alten Zöpfen, wie überkommenen Wertevorstellungen in Sachen architektonischer Hygiene, ist dort allerdings nicht die Rede.