Zuschlagen. Draufhauen. Aggressionen rauslassen. Die Frau, die ja zumeist die Schwächere ist, gnadenlos vermöbeln. Und das womöglich noch vor den ei-genen Kindern. In viel zu vielen Haushalten ist das gang und gäbe. Weil die Täter, die ja zumeist Männer sind, Konflikte nicht anders lösen können als durch Gewalt. Dabei dürfte auch ihnen bewusst sein, dass draufhauen nie eine Lösung ist. »Viele Frauen erdulden das über lange Zeiträume hinweg, manche sogar bis zu 20 oder 30 Jahre«, sagt Florence Wetzel vom Diakonieverband von einer der beiden Erstberatungsstellen für häusliche Gewalt im Landkreis. Das Paar war doch mal ineinander verliebt, ist doch aus Liebe zusammengezogen, hat aus Liebe Kinder bekommen. Die Hoffnung stirbt vor allem bei den Frauen offensichtlich zuletzt, dass diese Liebe doch stärker sein möge als die Gewalt.


Um den geprügelten Frauen zu helfen, ist vor 15 Jahren ein Gewaltschutzgesetz verabschiedet worden. Im Rahmen dieses Gesetzes wurden in ganz Baden-Württemberg Pilotprojekte gestartet, damit die Opfer erst mal durchatmen können. Damit sie sich nach den Gewalterfahrungen sammeln und in Ruhe überlegen können, wie es nun weitergehen soll. Voraussetzung für den Wohnungsverweis ist aber, dass die Gewalt in den eigenen vier Wänden öffentlich wird, wie Ingrid Wiedmann vom Landkreis-Amt für Recht und Ordnung bei einem Pressegespräch vergangene Woche betont. 
Um sowohl den Frauen wie auch den Männern möglichst »nachhaltig« zu helfen, wurde in Reutlingen ein »Drei-Säulen-Modell« entwickelt.

Nachdem die Polizei in der Wohnung auftauchte, dem Täter einen bis zu viertägigen Wohnungsverweis erteilt hat, kann diese Anordnung vom Ordnungsamt der Stadt oder des Landkreises auf bis zu zwei Wochen verlängert werden. Die Mitarbeiter der Ämter nehmen dazu Kontakt mit Opfer und Täter auf, erläutert Bernd Stöhr vom städtischen Ordnungsamt. Und innerhalb von zwei bis drei Tagen treten auch Florence Wetzel oder Kristina Eisele (von der Erstberatungsstelle des Landkreises) auf den Plan: Sie begleiten das Opfer, helfen dabei, die Gedanken zu ordnen, verweisen eventuell auf andere Beratungsstellen. »Es ist wichtig, die Frauen zu begleiten«, sagt Eisele.

Die Reutlinger Besonderheit bei diesem Modell ist, dass auch die Täter beraten werden. Das ist zwar freiwillig, aber immerhin nehmen rund 60 Prozent dieses Angebot an. Eine erstaunlich hohe Zahl? »Männer, die ihre Partnerin schlagen, sind ja meist nicht glücklich dabei«, betont Landkreis-Sozialdezernent Andreas Bauer. Diejenigen, die sich beraten lassen, nehmen häufig an Anti-Aggressionstrainings teil. Zu den anderen, die sich nicht beraten lassen, muss man sagen, dass Dummheit gepaart mit Aggressivität wohl doch nicht auszurotten ist. 


Aber dann können sich die Frauen wenigstens in dieser Verschnaufpause durch den Wohnungsverweis darüber klar werden, wie ihre Zukunft aussehen soll. Sie könnten ja etwa eine Wohnungszuweisung beim Amtsgericht erwirken. Die gilt dann ein halbes Jahr, egal, ob der Täter die Wohnung gemietet hatte. Oder ob es sogar seine Eigentumswohnung ist. Die richterliche Anordnung kann auf ein weiteres halbes Jahr ausgedehnt werden. Insgesamt werden sowohl im Landkreis wie auch in der Stadt jeweils zwischen 30 und 40 Wohnungsverweise im Jahr ausgesprochen. Macht zusammen durchschnittlich zwischen 70 und 80 Verweise, bei weit mehr als 100 Fällen häuslicher Gewalt, die pro Jahr in der Reutlinger Region gemeldet werden.

»Die Dunkelziffer ist mit Sicherheit sehr hoch«, so Horst Vöhringer vom Polizeipräsidium Reutlingen. Denn längst nicht alle prügelnden Nachbarn werden gemeldet. Viel zu oft wird weggehört, weggeschaut, wenn in der Wohnung nebenan jemand geprügelt und zusammengeschlagen wird. »Häusliche Gewalt muss öffentlich gemacht werden«, betont deshalb auch der Polizeibeamte. Denn nur so kann den oft jahrelangen Exzessen ein Ende gesetzt werden. Dabei ist die Erfolgsquote beeindruckend: Zwar müssen Polizisten rund drei bis viermal im Jahr zu Wiederholungstätern ausrücken, »was für die Kollegen extrem frustrierend ist«, so Vöhringer.


Aber: »Mehr als 90 Prozent der Täter, die einen Wohnungsverweis erhalten haben, werden nicht mehr gewalttätig.« Denn: »Es ist für den Täter wie für das Opfer eine Zäsur, wenn die Polizei plötzlich in den eigenen vier Wänden steht«, so Ingrid Wiedmann.