Mehr auf einmal geht nicht: Statt noch mehr giftigen Stickoxiden bekommt Reutlingen nun eine große Portion Sauerstoff, in Form einer Finanzspritze aus Berlin – für die Luftreinhaltung, für eine intelligente Mobilität – und für den öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV). In der Achalmstadt sollen nicht nur 100 neue Bushaltestellen her, zehn neue Linien und 20 neue Busse. Auch sind bessere und neue Querverbindungen im RSV-Netz geplant - samt »Quartierbussen« in den Stadtbezirken. Alles soll zudem besser getaktet und vernetzt werden. Die Bevölkerung wird mit einem 365-Euro-Jahresticket gelockt, das Autofahrern den Umstieg auf RSV-Busse schmackhaft machen soll. Selbst RSV-Tageskarten werden billiger. Auch die Radwege und deren Netz sollen im verbessert werden. Und wo kommt das Geld dafür her? Weil es um mehr saubere Luft geht - und Reutlingen hier schlecht abschneidet - wurde die Kommune zusammen mit vier anderen von Berlin zur »Modellstadt« auserkoren, wofür es vergangene Woche zunächst 16,6 Millionen Euro gab. Für das Programm »Saubere Luft 2017 bis 2020« erhält der RSV-Busverkehr davon 11,6 Millionen Euro, weitere 2,5 Millionen sind für günstigere Bustarife vorgesehen. Der Ausbau des Reutlinger Radwegenetzes wird ebenfalls mit 2,5 Millionen Euro bezuschusst. Insgesamt, je nach aktuellen Förderrichtlinien, können es bis zu 19,2 Millionen Euro werden. Reutlingens Erste Bürgermeisterin Ulrike Hotz spricht zurecht von einem »Quantensprung«, denn noch nie zuvor gab es derart viele, reizvolle und gleichermaßen sinnvolle Aufgaben, die nun zu lösen sind. Wenn dann auch noch die künftige Regionalstadtbahn womöglich durch die Lederstraße fährt – und die Hindenburgstraße von der Alteburg-Apotheke bis zur Lindachstraße eine Fahrradtrasse werden sollte, dann sind das Aussichten, die die Menschen in der Stadt fast schon überfordern könnten – im positiven Sinne. Denn die neuen Mobilitätsangebote und -Möglichkeiten sollen die Bevölkerung zum Umstieg bewegen, damit sie - zumindest die Woche über - das Auto in der Garage stehen lässt. Beispiel Gönningen: Wer dort das Auto benutzt, rechtfertigt dies gerne damit, dass der Ort vom ÖPNV zu wenig frequentiert werde. Künftig jedoch soll die Linie 5 einen 20-Minuten-Takt in der Hauptverkehrszeit bekommen. Die Linie 5 wird zudem verlängert bis zur neuen Endstation Lichtensteinstraße. Am Abzweig nach Ohmenhausen kommt eine Umsteigemöglichkeit dorthin.

In Reutlingen geht es mit der Linie 5 über die neue »zentrale Nahverkehrsachse Gartenstraße« bis zum Leonhardsplatz. »Hierdurch können künftig die Nutzungsschwerpune Alt- und Oststadt besser erreicht werden«, so die Stadt – und der »Fünfer« wird sogar zur Pilotstrecke für die Mitnahme von Fahrrädern im Busanhänger. Ja, es ist wirklich spannend und anregend zu erkunden, welche Möglichkeiten sich durch das gewaltig erweiterte Busnetz ergeben. Da lohnt es sich auch, diese recht lange Internetadresse abzuschreiben: www.reutlingen.de/de/Leben-in-Reutlingen/Umwelt-Verkehr/Das-neue-Stadtbusnetz

Langfristig, so die Stadt, will man mit dem umfangreichen Angebot eine »attraktive Alternative zum Kfz-Verkehr weiter etablieren.« Wären da nur nicht die psychologischen Barrieren. Wissenschaftliche Studien kamen zum Ergebnis, dass es für viele Autofahrer ein Graus sei, im Omnibus »mit so vielen fremden Menschen« eingepfercht zu sein. Komisch nur: Im Flugzeug nehmen sie das hin. Günstigere Bustickets und bessere ÖPNV-Verbindungen mit 100 neuen Haltestellen in Reutlingen hin oder her: Die automobile Gesellschaft muss da einen Schalter im Kopf umlegen - und außerdem über Jahrzehnte gepflegte Gewohnheiten auf den Prüfstand stellen. Die Bundes-Modellstadt Reutlingen wird nicht umhinkommen, Umsteiger in spe auch psychologisch zu »bearbeiten«. Manchmal helfen aber auch knallharte Fakten: Das »British Medical Journal« fand schon vier Jahren heraus, dass Arbeitspendler, die mit Bussen und Bahnen fahren, gesünder leben. Sehr förderlich sei auch der morgendliche Sprint zur Bushaltestelle - falls man etwas zu spät dran ist.