Es bleibt zu hoffen, dass das letzte Wort in Sachen Radschnellweg auf der alten Bahntrasse durch die nördliche Reutlinger Oststadt noch nicht gesprochen ist. Am Freitag vergangene Woche wurde bei einem Pressegespräch der Stadt bekannt gemacht, dass das Land der »Entwidmung« der Trasse nicht zugestimmt hat. Will heißen: Die stillgelegte Bahntrasse zwischen Reutlingen-Süd und dem Hauptbahnhof soll so lange weiterhin als mögliche Bahnstrecke offengehalten werden, bis tatsächlich klar ist, wo die Regionalstadtbahn (RSB) in der Achalmstadt tatsächlich mal verlaufen soll.»Wir werden das Gespräch 
mit Verkehrsminister 
Hermann suchen«
Dass die geplante neue Bahnverbindung aber nicht in der Gartenstraße oder in der Lederstraße realisiert werden könnte, sondern auf der alten Bahntrasse parallel zur Panoramastraße, halten die Reutlinger Stadtplaner für wenig sinnvoll: Weil nämlich sämtliche Untersuchungen bislang ergeben hätten, dass das Potenzial von künftigen Bahnkunden in der nördlichen Oststadt deutlich geringer sein würde als am direkten Rand der Innenstadt. Dieses Argument sticht – wenn auch die Reaktivierung der alten Bahntrasse durchaus ihren Reiz hätte haben können. Aber nur, wenn sie als zweite, zusätzliche Strecke gekommen wäre. Das ist aber wohl schon allein aus Kostengründen nicht realisierbar. 

Besonders verärgert über die Äußerung des Verkehrsministeriums zeigte sich die Reutlinger Stadtspitze am vergangenen Freitag, weil schon viel Arbeit, Geld und Hirnschmalz in die Umsetzung des bundesweiten Modellprojekts des Radschnellweges gesteckt wurde.  Als es im Sommer vergangenen Jahres um Bundesfördergelder für den Radschnellweg ging, sind nach den Worten von Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck auch Vertreter des Landes dabei gewesen. Damit nicht genug: Damals sei sogar die Rede von zusätzlichen Landesfördermitteln gewesen. 

Das soll nun alles für die Katz gewesen sein? Zwar wurde der Baubeschluss für den Radschnellweg von der Tagesordnung der Gemeinderatssitzung am Dienstag dieser Woche genommen. Allerdings will Keck noch nicht aufgeben: »Wir werden das Gespräch mit Verkehrsminister Hermann suchen«, sagten OB und Baubürgermeisterin Ulrike Hotz. Ob noch berechtigte Hoffnung für den Weg für schnelle Radler besteht? Man kann ja zu diesem Projekt stehen, wie man will: Ob man wirklich eine Art Autobahn für rasende Radler braucht, sei dahingestellt. Aber: Wer tatsächlich von Eningen oder Pfullingen nach Reutlingen will oder gar weiter mit dem Zug nach Stuttgart oder Tübingen – für solche Personen wäre der Radschnellweg tatsächlich eine Alternative zum Auto. Weil man mit dem Rad einfach schneller am Ziel wäre. Und weil man keinen Parkplatz suchen müsste.

Warum das Land überhaupt »Nein« zur Entwidmung der alten Bahntrasse parallel zur Panoramastraße gesagt hat? In einer Stellungnahme an das Eisenbahn-Bundesamt sei zu lesen, dass vom Verkehrsministerium momentan die Reaktivierung von alten Bahntrassen geprüft werde. Dass dies die Reutlinger Bemühungen der Streckenführung durch Lederstraße oder Gartenstraße missachtet und zudem den Radschnellweg verhindert – das soll alles egal sein? Eine Frechheit, könnte man denken. Eine unbändige Frechheit gegenüber den Planungen der Stadt. Wo doch eigentlich auch das Land daran interessiert sein müsste, die Luftreinhaltung in Reutlingen weiter voranzutreiben. Beziehungsweise ihr keine zusätzlichen Steine in den Weg zu legen. 
»Mit der Entscheidung des Verkehrsministeriums wird die Realisierung eines flächendeckenden Radschnellwegsystems im Landkreis Reutlingen und in der Stadt leider auf Jahre hinausgeschoben«, sagte Thomas Keck. Und Tiefbauamtsleiter Arno Valin hatte noch ein Argument gegen eine reaktivierte Bahntrasse nachgeschoben: Ohne ein Brückenbauwerk am Südportal des Scheibengipfel-Tunnels sei die Wiederinbetriebnahme der alten Bahnstrecke zwischen Honau und Reutlinger Hauptbahnhof eh nicht möglich. Punkt.