Es begab sich in den frühen Zehnerjahren des neuen Jahrtausends: Der hünenhaft große Vater spazierte mit seinem Töchterlein auf einem Gehweg im Südwesten Reutlingens. Als es von oben tröpfelte, ein Regen war im Anmarsch, blickte der Mann gen Himmel und touchierte mit seiner Schläfe das recht niedrige gehängte Wahlplakat der Partei »XYZ«. Wieder daheim erzählte Papa schmunzelnd, dass ihm heute eine Partei doch buchstäblich »auf den Leib gerückt« sei.


Auf einer kleinen Stadtrundfahrt in Reutlingen und Pfullingen waren derartige »Verstöße« bislang nicht auszumachen. Belange der Sicherheit und »Leichtigkeit des Verkehrs dürfen durch die Plakatierung nicht beeinträchtigt werden« – so der klare Hinweis der Stadt Reutlingen. Und tatsächlich gäbe es gewaltig Ärger, so sie ihre Sprüche auf Pappe etwa vor Verkehrsampeln hängen würden, oder die Propaganda Verkehrsschilder verdecken sollte.


Erlaubnisfrei, so die Stadt, ist übrigens das Dekorieren der Stadtlandschaft »an den eigens dafür vorgesehenen Plakatsäulen sowie an den Plakatierungsflächen im Bereich von Buswartehallen« – und den poetisch so genannten »Freianschlagsflächen«. Da sind dann fast alle Parteien »vereint«, sodass zum Beispiel über dem CDU-Kandidaten Michael Donth der Kopf des Revolutionärs Che Guevara thront. »Sollen wir sie aufhängen oder an die Wand stellen«? So lautet die Gretchenfrage schon lange nicht mehr. Denn einfach irgendwo am Boden angelehnt und dort festgezurrt werden die Plakate schon lange nicht mehr. Das Risiko, halbstarker Vandalen zum Opfer zu fallen, ist zu groß.


Beeindruckend ist immer noch die Routine der Helfer, vor allem deren wieselflinkes akkurates Befestigen der Schilder an den Laternenmasten. 
Dabei fallen ihnen aber die Werbeagenturen der Parteien bisweilen in den Rücken. Weiterhin wird auch in der Region von vielen Parteien ein Kardinalfehler begangen: Die Schrift der Werbesprüche auf den DIN A 1 großen Plakaten ist häufig viel zu klein, um von vorbeifahrenden Autofahrern gelesen werden zu können. 
Solche Plakate seien ja auch für Fußgänger gedacht, heißt es bei den PR-Strategen. Aber rechnen die im Ernst damit, dass Flaneure ehrfurchtsvoll vor diesen Kartons stehen bleiben? Und dann nach oben blicken, um zum Beispiel über den brandneuen FDP-Slogan zu sinnieren: »Schulranzen die Welt. Nicht Aktenkoffer«. Übrigens: Die Verweildauer des Auges auf einem Plakat liege im Schnitt bei nur zwei Sekunden, verrieten unlängst Wissenschaftler.
Das etwas aus der Zeit gefallene Ritual des Wahlplakate-Klebens reißt indes auch weiterhin ein richtig großes Loch in die lokalen Wahlkampf-Etats.

Und natürlich geht es um Personen. Die wollen in ihrem Wahlkreis ein Direktmandat erringen – und müssen dafür auch in ihre Privatschatulle greifen. Das ARD-Magazin Monitor hat sich bei Abgeordneten umgehört und kam auf »mindestens 10 000 bis nicht selten 70 000 Euro« Eigenanteil. Auf ihr Konterfei an den Straßen wollen die Kandidaten keinesfalls verzichten. Ebenso wenig auf die teils sogar humorvollen und prägnanten Sprüche.


Geschichte schrieb da zum Beispiel »Keine Experimente« von Konrad Adenauers CDU vor genau 60 Jahren. Der gut gemeinte Ratschlag Erich Ollenhauers Sozialdemokraten »Hör’ auf Deine Frau – wähl’ SPD« verfing nicht, die CDU holte damals die absolute Mehrheit.


Damals war es übrigens undenkbar, dass Wahlplakate beschmiert oder gar zerstört wurden. Das gehörte sich einfach nicht, kam nur ganz selten vor. Doch was auch immer die Menschen von den bisweilen sterbenslangweiligen Slogans auch halten mögen: Die Konterfeis der Politiker zu verunstalten ist eine Straftat. Ein Großflächenplakat, wie an Einfallstraßen zu sehen, kostet bis zu 500 Euro.


»Lieber mehr Geld in der Tasche als wenig« - oder so ähnlich: Ob sich die Parteien und deren Kandidaten nach dem 24. September an ihre Versprechen halten? Eines steht jedenfalls fest: Wieder weg sein müssen die Plakate spätestens eine Woche nach der Wahl – schaun’ wir mal.