»Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.« So hallte es am vergangenen Freitag durch die verschlafenen Gassen von Reutlingen. Aufgeweckt, wild, ideenreich, friedlich, freundlich und mit sehr viel Herzblut gehen die Schüler*innen an diesem Tag auf die Straße und reißen andere mit. Eltern, Lehrer, Omas und Opas, alle haben etwas zu sagen an diesem Tag. Rund 
4 000 Menschen schlängeln sich durch die Altstadt, schreien, singen, pfeifen rufen. Gegen die Klimapolitik der Verantwortlichen, gegen die Großkopfeten, die uns alle diese Suppe mit ihren Entscheidungen oder Versäumnissen in den vergangenen Jahren eingebrockt haben. Diese Entscheidungsträger sprechen von einem Durchbruch mit ihrem Klimapaket  und stellen wieder nur ein halbherziges Papier vor. Die jungen Menschen aber, denen die Zukunft gehört, die leben gerade diesen Durchbruch, indem sie ausbrechen, um anzusprechen, aufzurütteln,  Druck machen. Gegen die Großkopfeten. Für die Zukunft der Zukunft. Dem schlossen sich auch  betagtere Zeitgenossen  an. Einer hatte einen Besen dabei. Und sprach von einem ganz besonderen Tag für Reutlingen.  
       Wer in die Gesichter blickte, entdeckte Jugendliche, manche fast noch Kinder und viele Erwachsene. Vor allem aber stand darin Entschlossenheit. Für eine Sache zu kämpfen. Mit ihren Mitteln. 
Vor dem Bahnhof bildeten  die jungen Demonstranten eine »bewegte« Masse. Die Aktiven von Fridays vor Future sorgten mit ihren Durchsagen für Rhythmus und Bewegung. Sie hüpften, sprangen und schrien sich ihren Frust aus dem Leib. Da blieb nur noch Staunen. Auch über die Plakate. Keine Demo ohne den zu Pappe oder Papier gebrachten Protest. Aber so viele? 
Und dann war ja noch dieses Gefühl, nicht alleine zu sein. Nicht nur in Reutlingen. Denn der Tag war ein globaler Tag dieser friedlichen Protestbewegung. Weltweit waren junge Menschen auf die Straße gegangen, haben Plakate geschrieben, sie in den Himmel gestreckt oder den Fotografen vor die Nase. Gemeinsam für ein Ziel zu streiten gibt immer ein gutes Gefühl. Gemeinsam für eine gute Sache auf die Straße zu gehen, stärkt die Persönlichkeit jedes Einzelnen. 
Was kann es für eine bessere Sache geben als eine lebenswerte Zukunft? Eine Umwelt, die gesundes Leben ermöglicht, auch wenn man auf manches verzichten muss. SUVs braucht hier niemand. «Wenn ich daran denke, dass so viele Leute was machen, dann fühlt es sich sehr gut an», sagt Felice. Sie ist elf Jahre alt, streckt sich bis in den Himmel, um ihr Plakat zu zeigen und brennt vor Engagement. Ihre Freundin Elisabeth ergänzt: «Das Gefühl, nicht alleine zu sein, bestärkt, tut gut und motiviert, weiterzumachen und die Politik weiter unter Druck zu setzen». Sie ist zwölf Jahre alt. 
Niemand spricht hier von Schule schwänzen oder ’ach wie gut, dass keine Schule ist’. Im Gegenteil. Solche Momente sind Lehrstoff Nummer eins – nämlich das Leben selbst. 
Das haben Lehrer*innen der Minna-Specht Gemeinschaftsschule erkannt und machen es vor. Hier wissen viele  Schüler nicht ganz so genau aus dem Unterricht, was politisches Engagement ist.  
Also haben die Lehrer die Demo zum Anlass einer Exkursion gemacht, um den Schüler eine Lehrstunde zum Thema Engagement zu geben – dass man in einer Demokratie gehört wird; dass man mit und für seine Meinung auf die Straße gehen soll und sogar muss. »Die Schüler*innen finden das total interessant«, erzählt die Lehrerin, die nicht namentlich genannt werden will. Also kein Schwänzen, sondern schwärmen. Für Werte, die Schule normalerweise nicht vermittelt. 
Wer am Ende in die Gesichter schaute, sah Erschöpfung und ein Hauch von Glück. Sie strahlen auf dem Marktplatz und schreien immer noch. Hören zu und klatschen. Die Entschlossenheit bleibt in den Gesichtern. »Großartig, was ihr in einem Jahr bewegt habt«, ruft Carl Ulrich Gminder den Zukunftsprotestierern auf dem Marktplatz zu. 
Der Reutlinger Wirtschaftsingenieur und Experte für Nachhaltigkeit kam durch seine Verwandtschaft mit einer Fridays-for-future-Aktiven dazu, auf dem Marktplatz eine Rede zu halten. »Macht weiter macht Druck, seid mutig«, ruft er ihnen zu. 
Das lässt sich Emily Dukat nicht zweimal sagen. Die Aktivistin der Reutlinger Fridays for future-Bewegung strahlt über alle sieben Backen am Ende dieses langen Tages nach der Demo auf dem Marktplatz, nach dem Protestmarsch zum Bahnhof, nach dem Ende der Veranstaltung von parents for future. Die 17-Jährige freut sich vor allem, dass alle Generationen vertreten waren und alles friedlich und super ablief. »Das gibt so ein starkes Gemeinschaftsgefühl«, und meint damit auch die weltweiten Aktionen. »Reutlingen ist nicht allein«. Das ist für alle ein wichtiger Punkt, sagt sie dazu. »Man merkt, man kann was erreichen und es hat große Auswirkung – hoffentlich auch auf die Politik.« 
Das hofft auch der Mann mit dem Besen. »Opas für future« steht da geschrieben und da muss man einfach ein Foto machen. »Das war eine bunte, heitere und ideenreiche Demo, wie sie Reutlingen schon lange nicht mehr gehabt hat« freut sich Hans Gampe und fügt hinzu: »Und es war eine der Größten«. 
Er ist 70 Jahre alt, wohnt seit 1974 in Reutlingen und hat so manche Demonstration aktiv begleitet. Dass so viele Leute und vor allem so unterschiedlichen Alters mitgemacht haben, hält er für »eine besondere Würdigung dieses besonderen Ereignisses. Fridays for future hat es geschafft,  sich auf alle gesellschaftlichen Schichten auszudehnen. Das ist das Besondere daran. Wir sollten die jungen Menschen Ernst nehmen.»
 Im Umkehrschluss aber bedeutet die Umsetzung einschneidende Veränderungen für jeden von uns. Daran ist noch keiner gestorben. An extremen Klimabedingungen schon.