»Ich war sehr verärgert«, sagt Bettina Noack über die Äußerung des CDU-Politikers Jens Spahn. Der hatte vor kurzem behauptet, wer Hartz IV beziehe, sei nicht arm. Ein regelrechter Shitstorm prasselte daraufhin auf den Bundestagsabgeordneten ein, Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm nannte den Nachwuchspolitiker »eiskalt, herzlos und ohne Empathie«. Eine Hartz-IV-Bezieherin forderte Spahn auf, er solle doch mal einen Monat von dem Regelsatz leben. 


Bettina Noack vom Mütter- und Nachbarschaftszentrum sagt: »Der hätte nie Minister werden dürfen.« Von dem Vorschlag, einen Monat mit 416 Euro auskommen zu müssen, halte sie aber nicht viel: »Er hätte ja weiter sein Umfeld, könnte jederzeit zurückkehren.« Spahn könnte also die Not nicht nachempfinden, in der Menschen mit so wenig Geld leben müssen. Grundsätzlich wünsche sich Bettina Noack, »Spahn sollte zwei Wochen in einer Tafel arbeiten und mit den Menschen dort reden«. Grundsätzlich fehle es an Respekt gegenüber Hartz-IV-Empfängern – die im täglichen Kampf um jeden Cent ständig unter Stress stehen, den ein Normal- oder Gutverdiener sich gar nicht vorstellen kann. 


Ein Beispiel? Eine Alleinerziehende mit einem Kind erhält 805 Euro 76 Cent im Monat, rechnet Noack vor. Davon müssen Milchprodukte, Windeln und alles an-dere gekauft werden. »Hartz-IV-Empfänger müssen immer auf das Billigste zurückgreifen und selbst dann reicht das Geld kaum«, betont die gelernte Kinder-krankenschwester, die später noch eine Ausbildung zur Pflegefachkraft in der Altenhilfe draufsattelte. Und sie weiß aus eigener Erfahrung genau, was es bedeutet, von ganz wenig Geld leben zu müssen. »Gesunde Lebensmittel«, fragt Noack und zieht die Augenbrauen hoch. Für Hartz-IV-Empfänger ist gar nichts anderes möglich als das Billigste. »Viele leben nur von Toast, weil der am wenigstens kostet.« Und trotzdem werde es am Monatsende eng bei den meisten - weil immer irgendwas Unvorhergesehenes passiert. 

Eine Katastrophe, wenn der Herd oder die Waschma-schine den Geist aufgeben. Im Hartz-IV-Satz sind offi-ziell monatlich 36 Euro 89 für Energie und Instandhaltung vorgesehen. »Da sind die Stromrechnungen meist schon deutlich höher«, betont Noack. Geht die Waschmaschine kaputt, stellt das Jobcenter zwar ein Darlehen zur Verfügung, das treibt allerdings danach ein Inkassounternehmen wieder ein. Von dem Wenigen, was die Bedürftigen erhalten, wird also noch was abgezogen. »Das ist ein Kreislauf, der das Ganze noch weiter verschärft.« Noch schlimmer wird es, wenn jemand krank ist. Medikamente, die von der Kasse nicht bezahlt werden? Eine neue Brille? Zahnersatz? Mehrere tausend Euro für Kronen oder ein Gebiss? All das ist nicht bezahlbar. Und die Folgen sind fatal: Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts sterben arme Männer elf Jahre früher als wohlhabendere. Und das sei auch auf die ungesunde Ernährung zurückzuführen. 


Was wäre zu tun? »Berlins regierender Bürgermeister Michael Müller hat den Vorschlag gemacht, das bedingungslose Grundeinkommen mit einem Job zu verknüpfen und dann rund 1500 Euro auszubezahlen«, sagt Bettina Noack. Vielleicht wäre das ein Ansatz, denn die große Mehrheit der armen Menschen würde mit Sicherheit gerne arbeiten. Weil das auch Teilhabe am sozialen Leben bedeute. Viele Arme leben völlig isoliert, zurückgezogen in ihren eigenen vier Wänden. Sichtbar wird das etwa in Berlin, »ich habe in Kreuzberg gesehen, wie ein Fahrzeug abends in den Straßen auftauchte, aus dem heraus warmes Essen an Bedürftige verteilt wurde«, berichtet Noack. Innerhalb von wenigen Minuten seien an die 60 arme, alte und junge Menschen dagestanden, die keine andere Möglichkeit hätten als diese Notspeisung wahrzunehmen. Und das im reichen Deutschland. »Das ist erschüt-ternd.«
Doch es fehlt auch an Respekt gegenüber den finanziell Benachteiligten: »Mich regt es immer wieder auf, wenn in Talkshows von den ‚kleinen Leuten’ geredet wird - die Großen gucken also auf die Kleinen runter«, sagt Noack. Und immer wieder ist die Rede von »sozial Schwachen« - mit denen nicht etwa die reichen Betrüger und Steuerhinterzieher gemeint sind, sondern wiederum jene, die vom Leben extrem benachteiligt wurden.