»Wir stellen laufend Erzieherinnen ein, deshalb stehen wir in Reutlingen in der Kinderbetreuung recht gut da«, sagt Joachim Haas. Und der städtische Sozialamtsleiter führt Zahlen dazu an: 506 pädagogische Fachkräfte teilen sich 338 Vollzeitstellen, weiter gibt es 20 Springerinnen, die sich knapp 17 ganze Stellen teilen. Damit sei der Fachkräfteschlüssel fast komplett erfüllt, betont Haas. Aber: Klar sei, dass auch weiterhin ständig Erzieherinnen gesucht würden, denn: Rund 50 Prozent aller pädagogischer Fachkräfte sind 50 Jahre oder älter. Die Krankheitszeiten nähmen mit höherem Alter logischerweise zu.

Heike L. ist von der 50 noch rund zwölf Jahre entfernt, nach der Kinderpause sucht sie seit rund zwei Jahren intensiv nach einer Stelle, bei städtischen und kirchlichen Trägern, mit Schwerpunkt Reutlingen, aber auch in Tübingen. Ihre Erfahrungen: »Mehrfach habe ich auf meine Bewerbungen hin nichts gehört, da kam oft gar keine Rückmeldung«, sagt sie. Heike L. würde auch als Springkraft arbeiten, hat schon mehrfach Probe gearbeitet, danach habe es oft geheißen – die Stelle sei jetzt schon besetzt »oder sie hätten gerade keine passende Stelle für mich«. Dabei sieht das Abschlusszeugnis ihrer Erzieherinnenausbildung recht gut aus.  Solche Äußerungen von Erzieherinnen wie Heike L. sind Claus Mellinger nicht fremd: »Das überrascht mich nicht«, sagt der Vorsitzende des Gesamtelternbeirats Reutlinger Kindertageseinrichtungen (GERK). »Ich habe manchmal das Gefühl, die Stadt will gar keine Leute einstellen.«

Dem widerspricht Joachim Haas aber vehement: »Wer fachlich geeignet ist, hat hervorragende Chancen.« Auch den Vorwurf, dass ältere Erzieherinnen abgelehnt würden, lässt er nicht stehen: »Wir verfolgen ja ein eigenes Konzept, um Fachkräfte nach der Mütterpause wieder zu integrieren«, betont er. Aber: »Wir brauchen halt einen Mix von jüngeren und erfahrenen Erzieherinnen«, so Haas. Dass Mütter nach der Kinderpause teurer wären, stimme zudem überhaupt nicht: Bei der Bezahlung sei mittlerweile die Berufserfahrung entscheidend, nicht das Alter. Und dass der »Markt leer gefegt ist«, wie Claus Mellinger die Stadt zitiert? Der Sozialamtsleiter bestätigt diese Äußerung, zumindest tendenziell. »Wir befinden uns da auf einem umkämpften und schwierigen Arbeitsmarkt«, sagt er. Die Zielgruppe sei im Übrigen die gleiche wie in der Pflege – junge Menschen mit Realschulabschluss. Die Kinderbetreuung stehe allerdings noch etwas besser da. Aber: »Wenn Stuttgart ernst macht mit der Ankündigung, Erzieherinnen künftig übertariflich zu zahlen, dann wird es für uns noch schwieriger.«

Heike L. jedoch ist frustriert: Wenn die Situation tatsächlich so sein sollte, dass händeringend Personal gesucht wird, warum wird sie dann immer wieder abgewiesen? Oder erhält gar keine Rückmeldung. »Ich kenne jede Menge Erzieherinnen, denen es genauso ergeht wie mir«, betont sie. Und auch der GERK-Vorsitzende hat schon öfter von solchen Problemen beim Wiedereinstieg in den Beruf der Erzieherin gehört. Aber das passt dann ja gar nicht zu solchen Ereignissen wie der Teilschließung im Kinderhaus in Ohmenhausen. Und ganz von der Hand zu weisen, seien zudem auch nicht die Beschwerden von Eltern über Missstände in anderen Einrichtungen. »Ich höre immer mal wieder, dass Eltern sagen, seit einem Jahr habe es kein Entwicklungsgespräch mehr gegeben, weil die Beziehungsfachkraft nicht da ist«, sagt Mellinger. Um die Erfahrungen in Reutlinger Kindertageseinrichtungen zusammenzufassen, betreibt der GERK zurzeit eine Elternumfrage. Die Ergebnisse dürften interessant sein, auch für die Stadt.

Um das Bild abzurunden, wäre allerdings auch mal ein Blick aus dem Innern notwendig. So wie die Krankenschwester Angelika M. das im Dezember 2011 aus dem Reutlinger Kreisklinikum getan hat. Claus Mellinger denkt genau in diese Richtung: »Wir bräuchten mal eine Erzieherin, die mit uns über Internas plaudern würde«, sagt Mellinger. Und eigentlich müsste – genau wie in der Pflege – wohl dringend der Fachkräfteschlüssel angehoben werden. Aber das kostet dann richtig Geld. »Mit einer Anhebung um 0,1 Prozent könnten wir nichts anfangen – wir bräuchten mehr Köpfe in den Einrichtungen«, findet auch Joachim Haas Gefallen an der Idee.