»Die Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und vor allem die Kundenfreundlichkeit müssen erheblich verbessert werden«, hatte jemand geschrieben. Ansonsten werde es nicht klappen, mehr Menschen zum Umsteigen auf den öffentlichen Nahverkehr zu bewegen. Das war allerdings nur einer von unglaublich vielen Kommentaren, die der Reutlinger VCD (ökologische Verkehrsclub Deutschland) bei seiner Umfrage erhalten hatte. Innerhalb von nur drei Wochen haben sich insgesamt 1008 Menschen an der Befragung beteiligt - ein geradezu berauschender Wert. Kein Wunder also, dass sich Peter Stary, Susanne Eckstein und Hans Georg Weiß bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse sehr erfreut zeigten. Zumal nicht allein Kreuzchen nach Fragen gemacht wurden, bei denen es etwa um die Bewertung von Linienführung und Streckennetz ging. Oder um Taktfrequenz, Sicherheit im Bus, Informationen, Haltestellen oder zum Fahrstil von Busfahrern. Einer der zahlreichen Kommentare: »So mancher Busfahrer sollte eher Kies als Personen chauffieren.« Doch so negativ waren bei weitem nicht alle Äußerungen. Es gab nach den Worten von Stary durchaus konstruktive Kritik und auch zahlreiche positive Bewertungen. Wie beispielsweise: »Im Allgemeinen ist der ÖPNV in Reutlingen gut.« Oder: »Toll, dass es nun so günstige Monats- und Tageskarten gibt.«

Als erstaunlich bezeichnete Peter Stary, dass nur drei Monate nach Einführung des 365-Euro-Jahrestickets im Januar, nach dem neuen 3,50 Euro-Tagesticket sowie den günstigeren Schüler-Monatskarten für 30 Euro »knapp 30 Prozent der Befragten angeführt hatten, den Bus seitdem häufiger zu benutzen«. Das sei doch ein deutlicher Erfolg. Allerdings könnten nach den Vorstellungen vieler Umfrage-Teilnehmer die Fahrpreise noch deutlich günstiger sein: 73 Prozent hätten gerne billigere Kurzstreckentickets wie Ein-Euro-Fahrkarten, 58 Prozent wünschten sich Punkte- und Wochenkarten. Samstags kostenlos Busfahren – eine Suggestivfrage des VCD – führte dementsprechend zu einer Zustimmungsquote von annähernd 70 Prozent. Linienführung und Streckennetz wurden zu zwei Drittel als gut bis befriedigend bewertet. Die Taktfrequenz sei hingegen vor allem samstags und sonntags ausbaufähig. In punkto Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit gingen die Antworten deutlich auseinander, da war alles dabei, von gut bis schlecht.

Überrascht zeigten sich die Umfrage-Organisatoren, dass die Themen Sicherheit und Sauberkeit in den Bussen als überwiegend gut bewertet wurde. Bemängelt wurde jedoch häufig (ohne, dass danach gefragt wurde) die alleinige Zusteigemöglichkeit beim Busfahrer - weil man dort auch das Ticket kaufen oder vorzeigen müsse. Das verzögere den gesamten Ablauf, so die Überzeugung vieler Fahrgäste. In Tübingen sei das anders, da könne man auch hinten einsteigen. »Da gibt es dann halt auch mehr Schwarzfahrer«, so Hans Georg Weiß. Insgesamt kann und muss die Umfrage des VCD als voller Erfolg gewertet werden. Solch eine Befragung sei laut Stary, Eckstein und Weiß eh überfällig gewesen. Hatten Stadt und RSV bislang vielleicht gar kein Interesse an möglicher Kritik? Wer weiß. Aber jetzt wird ja nach dem unsäglichen Werbeslogan ab 9. September mit der Einführung des neuen Buskonzeptes sowieso »alles busser«. Dass für solch einen Spruch ziemlich sicher auch noch viel Geld bezahlt wurde … Wie auch immer. Der ÖPNV in der Stadt ist auf einem guten Weg, ob allerdings eine sehr breite Bevölkerungsgruppe sich ab September aus der Bequemlichkeit herauslösen und zum Busfahren überreden lässt, muss sich erst noch zeigen.

»Unsere Umfrage wurde durchweg begrüßt«, sagte Peter Stary beim Pressegespräch. Allerdings taucht das Alter zwischen 18 und 65 Jahren dort so gut wie überhaupt nicht auf. Busse nutzen also offensichtlich vor allem Schüler und Senioren. Und das Altersspektrum dazwischen mit nahezu fast fünf Jahrzehnten? Die fahren offensichtlich lieber Auto. Welches Fazit leitet sich daraus ab? Die Staus in der Stadt müssen wohl noch viel länger, schlimmer und nervenaufreibender werden, damit auch diese Altersschichten zum Verzicht auf das eigene Heiligsblechle bewegt werden können.