Haben Sie sich schon entschieden, wem Sie bei der Oberbürgermeister/in-Wahl am kommenden Sonntag ihr Kreuzchen schenken? Ja? Tatsächlich? Dann haben Sie vielen Wählern Einiges voraus. Denn: Viele wissen wirklich nicht, wen sie wählen sollen. Ich auch nicht. Oder obwohl … Ich könnte Ihnen hier ja mal einen (alles andere als ernst gemeinten) Wahl-Check präsentieren und die fünf Kandidaten mal etwas anders vorstellen als bei den mittlerweile doch recht zahlreichen Podien – bei denen keine gravierenden Unterschiede festzustellen waren. Also bleibt es jetzt an mir hängen, etwas genauer hinzuschauen. 

Zunächst auf Cindy Holmberg (Grüne). Sie spricht sich in ihrem Prospekt für ein »lebendiges Reutlingen« aus. Schön. Ein totes Reutlingen wäre ja tatsächlich irgendwie … ziemlich leblos, oder nicht? Weiterhin fordert sie eine »intelligente Stadt- und Ortsentwicklung«. Auch gut. Dumme Entwicklungen wären ja – blöd, oder? Naja, Holmberg fordert sie doch »mit Herz«. Ja, so könnt’s was werden. Herz ist immer gut. Da kann man doch vor allem Frauen ansprechen. Oder nicht? Auf jeden Fall: Cindy Holmberg ist doch eine Frau, die man wählen könnte. Zumal sie der einzige Kandidat weiblichen Geschlechts ist. Also meine Stimme für Frau Holmberg. Oder doch eher für die FDP und Dr. Carl-Gustav Kalbfell? (Die Reihenfolge der hier vorgestellten Kandidaten ist im Übrigen völlig subjektiv und kann mit nichts begründet werden.) In dem großformatigen Werbeprospekt des Ex-Reutlingers (der gerade in Leinfelden-Echterdingen als Bürgermeister schafft) ist alles drin, er begrüßt uns Wähler gleich mit einem herzerfrischenden »Hallo, Reutlingen«. Meint er mich? Oder den ZOB? Das Rathaus vielleicht? Sonst ist aber alles drin in dem Prospekt, was das Herz oder die Stadt so braucht: »Mehr Kitas, mehr Sport, weniger Staus«, lauten drei fettgedruckte Forderungen. Ja. Bin ich auch dafür. Bloß nicht zu viel Sport. Der ist doch so verletzungsanfällig. Kalbfell ist aber auch »für eine tolerante menschliche Stadt«. Stimmt, weil so richtig unmenschlich … nee, das will ich dann doch nicht. Soll ich also Herrn Kalbfell wählen - der auf Plakaten im Übrigen mit seinem jugendlichen Alter von 41 Jahren wirbt?

Andreas Zimmermann heißt der dritte Kandidat. Der wird von der Partei »Die Partei« unterstützt. Also von einer eher satirischen Gruppierung, von der der Reutlinger Kandidat allerdings sagt: »Wir sind keine Spaßpartei – wir werden oft mit der FDP verwechselt.« Zimmermanns erste Forderung befasst sich mit dem Nachtleben in der Stadt. Aha. Der in Karlsruhe lebende Ingenieur tanzt ansonsten nicht etwa mit dem Wolf, sondern er taucht mit Haien. Warum auch nicht. Ist das nun gut, dass es in Reutlingen keine Haie gibt oder nicht? Vielleicht wähle ich ja Zimmermann. So rein aus Spaß. Kommen wir zu Dr. Christian Schneider (CDU). Er will laut seinem Prospekt »Neues. Miteinander. Schaffen.« Ich hätte anstatt der Punkte noch Ausrufezeichen gesetzt. Das hätte noch mehr geknallt. Was bei ihm am meisten heraussticht? Klar, der Feuerwehrmann. Wirklich bewundernswert. Immer im Einsatz. Rund um die Uhr, um Menschen in Not zu helfen. Toll. Sollte er tatsächlich gewählt werden – ob er dann immer noch dieser sehr fordernden Tätigkeit nachkommen könnte?

Tag und Nacht? Also, nur als Beispiel: Er wird gerade in sein Amt eingeführt und soll vereidigt werden. Dann klingelt sein Handy. Einsatz an der Echaz. Überschwemmung. Und dann? Egal. Ich denke, Herrn Schneider könnte man getrost seine Stimme geben. Oder auch Thomas Keck. Das Urgestein aus und in Reutlingen. »Keck kann’s«, so lautet sein Werbe-Slogan. Was kann er denn? Wandern, wahrscheinlich. Er ist doch Vize-Vorsitzender im Schwäbischen Albverein. Keck weiß aber auch, seinen eigenen Worten nach, »wie die Reutlinger ticken«. Tun sie das tatsächlich? Ticken? Als OB würde er, wie er selbst betont, nicht als Alleinunterhalter, sondern als Motivator und Moderator antreten. Und vermutlich würde er mit dem Gemeinderat oft wandern gehen. Wer sich also bei den Kommunalwahlen Ende Mai für einen Platz in dem Gremium bewirbt, sollte das im Hinterkopf behalten. Aber natürlich nur, sollte Keck gewählt werden. Ich gebe ihm auf jeden Fall meine Stimme. Oder doch nicht? Oh verdammt, ist das schwierig. Und jetzt tauchte wie Phönix aus der Asche - oder doch eher wie der GEA am vergangenen Samstag titelte »Vom Traumprinz zum Joker?« – auch noch Dr. Karsten Amann als vermeintlicher sechster Kandidat auf. Man müsste nur in der freien Zeile auf dem Wahlzettel seinen Namen einfügen. Ähem … Hatte der grün-schwarze Hintenrum-Geheimfavorit nicht schon abgesagt? Muss der das Ganze jetzt noch komplizierter gestalten? 

Aber wissen Sie was – entscheiden Sie doch selbst. Nur eins noch: Gehen Sie auf jeden Fall wählen. Sonst dürfen Sie sich nach der Wahl nicht beklagen. Dass Sie doch lieber einen der anderen vier Kandidaten gehabt hätten. Dann ist es zu spät. Wie beim Brexit – als der Jugend auch erst nach der Abstimmung einfiel, dass sie vielleicht was verpasst hat.