Es kommt einem fast so vor, als stünden sich zwei Stiere in einer Arena gegenüber. Wutschnaubend, mit den Hufen scharrend, verärgert über die Anwesenheit des Anderen. Die beiden Stiere - beziehungsweise das selbstverwaltete Jugendzentrum »Kulturschock Zelle« und die Reutlinger Stadtverwaltung – scheinen sich dabei vom ersten Tag an unversöhnlich gegenüberzustehen. Vor ein paar Jahren ging das sogar bis vor den Verwaltungsgerichtshof in Mannheim. Dort wurde darüber verhandelt, ob die »Zelle« bei Veranstaltungen eine Gaststättenkonzession vorweisen müsse. Im von beiden Seiten heftig geführten Streit wurde schließlich ein Kompromiss vereinbart, der besagte: Die Stadt verzichtet auf die Schanklizenz, allerdings nicht, wenn mehr als fünf Euro Eintrittsgeld verlangt würden. Die Zelle ihrerseits erklärte sich bereit, bei öffentlichen Veranstaltungen Amtspersonen auf das Gelände der Zelle zu lassen. Genau das geschehe nun aber nicht, wie der städtische Ordnungsamtsleiter Albert Keppler am 6. März dieses Jahres an den Zelle-Vereinsvorstand schrieb. »Ihr Verein behindert die Polizei bei der Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben bei Veranstaltungen Ihres Jugendzentrums«, ist da nachzulesen. Bezogen habe sich Keppler vor allem auf den 9. Dezember 2017, als bei einem Konzert zwei Polizeibeamten in Zivil die Tür gewiesen wurde. 

Aber auch schon vorher sei mehrfach Polizisten der Zutritt zum Gelände verwehrt worden. Somit könne vor allem der Drogenkonsum und Drogenhandel in der Zelle nicht kontrolliert werden. Punkt. Ein Freund von Polizei und Stadtverwaltung war das Reutlinger Jugendzentrum ja noch nie. Allerdings sitzt das autonome Jugendzentrum – übrigens eines der ältesten in ganz Deutschland – in einem städtischen Gebäude mit städtischen Mietzuschüssen. Anordnungen von der Seite der Stadtverwaltung stoßen den »Zellis« dennoch (wohl schon seit der Gründung im Jahr 1968) sauer auf. Andersherum war der »ganz normalen Reutlinger Bevölkerung« die Zelle wohl ebenso vom ersten Tag an suspekt. Man kann sich die Zeit vorstellen, 1968, als »in der kleinen schwäbischen Großstadt Reutlingen, zwischen Industrie, Kleinbürgerlichkeit und kommerzieller Pseudokultur« die Galerie Zelle gegründet wurde. So ist es auf der Zelle-Homepage nachzulesen. Von Anfang an wollten die Jugendlichen also eine Gegenbewegung gegen Spießertum und Mainstream sein. Dann kam auch noch der Umzug im Jahr 1996 auf die Echazinsel, zwischen Albstraße und Durchgangs-Highway, zwischen Tankstelle und Puff. 

Städtische Anordnungen oder das Auftauchen von Polizei wurde von den »Zellis« immer wieder als »Eingriff in unsere Selbstverwaltung« betrachtet, wie auch auf der vereinseigenen Homepage bekannt gegeben wird. Anstatt der stetigen Einmischungen »wünschen wir uns mehr Wertschätzung«, heißt es dort weiter. Immerhin organisiere und veranstalte das etwas andere Jugendhaus seit fünf Jahrzehnten Konzerte, Vorträge, Workshops, Kunstaktionen und Partys – und die Zelle hat die Reutlinger Kulturszene ja tatsächlich von Anfang an mitgeprägt. Und jetzt soll womöglich der städtische und der Land-kreis-Zuschuss von weit mehr als 10 000 Euro zum Jubiläum gestrichen werden. Vielleicht sollten aber beide Seiten noch einmal in sich gehen. Also sowohl die Stadtverwaltung wie auch die Aktiven der Zelle. Vielleicht wäre ja ein grundsätzliches Nachdenken ganz hilfreich - bei dem die Stadt zu dem Schluss kommen könnte, dass die Zelle kein böser Feind ist. Kein wutschnaubender Stier, der – ziemlich jugendtypisch – bei Konzerten und Partys auch mal zu laut ist. Und vielleicht könnten die »Zellis« ja auch erkennen, dass so ein Polizist nicht unbedingt der verlängerte Arm und Feind des kapitalistischen Spießersystems ist. Sondern sich einfach mal umguckt, ob da irgend-welche böse Buben Drogen verchecken. Und wenn das nicht passiert, dann hat die Zelle ja auch nichts zu befürchten. Außer, dass sie in den Ruf kommen könnte, mit der Polizei gemeinsame Sache gemacht zu haben. Das könnte natürlich schlecht fürs Image sein. Das sich in den vergangenen 50 Jahren in dieser Hinsicht bei den Verantwortlichen der Zelle wohl kaum geändert hat.